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15. September 2015
Abdul (18) besteht darauf, seiner Familie beim Einrichten seiner Zimmer im ehemaligen Pfarrhaus von Maria Trost mitgeholfen zu haben. „Alter, ich schwör!“, wiederholt er mehrmals. © Kleine

Abdul (18) besteht darauf, seiner Familie beim Einrichten seiner Zimmer im ehemaligen Pfarrhaus von Maria Trost mitgeholfen zu haben. „Alter, ich schwör!“, wiederholt er mehrmals. © Kleine

Maren Koffi- Spitzenberger (l.) nimmt für den Verein Lebens(t)raum ein kleines Apfelbäumchen von den Vertretern der Pfarrgemeinde St. Godehard, Kerstin Felchner und Georg Weißenborn, entgegen. „Wir freuen uns, dass die Gemeinde uns so wohlwollend aufgenommen hat“, sagt sie. © Kleine

Maren Koffi- Spitzenberger (l.) nimmt für den Verein Lebens(t)raum ein kleines Apfelbäumchen von den Vertretern der Pfarrgemeinde St. Godehard, Kerstin Felchner und Georg Weißenborn, entgegen. „Wir freuen uns, dass die Gemeinde uns so wohlwollend aufgenommen hat“, sagt sie. © Kleine

Im großen gemeinsamen Aufenthaltsbereich isst Kamala (20) gerade ihr Mittagessen. Betreuerin Anna Kaufheld (l.) isst mit und passt auf, dass sie bei der Sache bleibt. © Kleine

Im großen gemeinsamen Aufenthaltsbereich isst Kamala (20) gerade ihr Mittagessen. Betreuerin Anna Kaufheld (l.) isst mit und passt auf, dass sie bei der Sache bleibt. © Kleine

„Damit unsere Gemeinschaft wächst und gedeiht“

Von: Marie Kleine

Im ehemaligen Pfarrhaus von Maria Trost wohnen jetzt sechs junge Erwachsene mit Beeinträchtigungen in einer Wohngemeinschaft zusammen - in nächster Nachbarschaft zur Gemeinde in Hannover- Ahlem.

 Abdul ist von zuhause ausgezogen. Seine erste eigene Wohnung, mit 18 Jahren. Ob das denn nicht zu früh sei, fragte sich seine Mutter vor dem Auszug. Zusammen mit fünf anderen Jugendlichen wohnt er jetzt in einer Wohngemeinschaft. Zwei kleine Zimmer und ein Bad im ersten Obergeschoss nennt er sein Eigen. Die Küche, das Wohnzimmer und den Garten teilt er sich mit seinen Mitbewohnern. Vor der Tür zu Abduls Zimmerchen ein Schild: „Bitte Schuhe ausziehen.“ Aber Abdul selbst hat das in seiner Aufregung vergessen. Denn er hat Besuch heute. Viel Besuch: Fast fünfzig Leute haben sich vor dem Haus, in dem er mit den anderen wohnt, versammelt. Sie wollen sehen, wie er und die anderen hier so leben. Abdul zeigt seine kleine Gitarre, eine Ukulele. Er hat sogar auch ein Plektrum, um darauf zu spielen. Aber Abdul kann keinen einzigen Akkord spielen. Und eine erkennbare Melodie dazu singen auch nicht.

Denn Abdul lebt manchmal in seiner eigenen Welt. Und in der ist es sehr hektisch: Laufen, springen, quieken. Abdul hat keine Zeit, um still zu sitzen und Akkorde zu üben. Denn er will sich bewegen. Was genau bei ihm anders ist, wissen die Ärzte nicht. Aber Abdul ist anders, genauso wie alle seine Mitbewohner. Sie sind körperlich und geistig beeinträchtigt, brauchen rund um die Uhr Betreuung. Einer von ihnen ist Autist. Ein Mädchen hat das Down- Syndrom. „In einer großen Einrichtung gehen viele solche Jugendlichen unter“, sagt Maren Koffi- Spitzenberger, deren Tochter Jasmin eine Mitbewohnerin von Abdul ist. „Hier können sie sich gegenseitig anregen und es läuft familiär ab.“ Sie ist Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins Lebens(t)raum, der lange in Hannover nach einer Immobilie gesucht hat, um eine Wohngemeinschaft dieser Art ins Leben zu rufen. Im vergangenen Jahr stießen sie dann auf die Anzeige der Katholischen Pfarrgemeinde St. Godehard im Internet: Pfarrhaus der Kirche Maria Trost zu vermieten, 250 qm², 12 Zimmer, 1.600 Euro. Im Zuge der Fusionen frei geworden. Sie schauten sich das Objekt an – und waren begeistert von den hellen Räumen und dem freundlichem Empfang, den ihnen die Gemeinde bereitete. Bereits einen Tag, nachdem sie ihr Konzept dem Kirchenvorstand vorgestellt hatten, erhielt Lebens(t)raum die Zusage.

Doch erst musste das Pfarrhaus renoviert und umgebaut werden, um im Erdgeschoss rollstuhlgerecht zu werden. „Es musste auch die Elektrik und die Dämmung komplett erneuert werden“, sagt Georg Weißenborn, der für den Kirchenvorstand der Gemeinde den Umbau ehrenamtlich leitete. Der gelernte Elektroingenieur verhandelte mit Handwerker, arbeitete am Konzept mit, führte die Bauaufsicht vor Ort. Und behielt die Kosten im Auge. „Wir haben als Gemeinde rund 35.000 Euro in das Gebäude investiert. Aber gleichzeitig für die nächsten zehn Jahre einen zuverlässigen Mieter. Und unterstützen dabei noch Menschen mit Beeinträchtigungen, die unserer Hilfe als Kirche und als Gesellschaft besonders bedürfen.“ Auch der Verein Lebens(t)raum investierte in das Pfarrhaus. Mehrere Stiftungen und Vereine halfen dabei.

Wohngemeinschaft, Kirche und Gemeindehaus von Maria Trost liegen eng beieinander. Die große Pfarrwiese teilen sich alle. Tür an Tür mit den behinderten Jugendlichen – die Gemeinde ist bereit dafür. Kerstin Felchner vom Pfarrgemeinderat von St. Godehard bringt zum Tag der Offenen Tür ein Apfelbäumchen mit. „Wir wollen nicht nebeneinander, sondern miteinander leben“, sagt sie. „Das Bäumchen können die Bewohner pflegen, damit es wächst und gedeiht. Wie unsere Gemeinschaft.“ Abdul kriegt von dem Geschenk im ersten Stock erstmal nichts mit. Seine beiden Zimmer sind in violett und weiß eingerichtet – ein großer Kleiderschrank im Schlafzimmer, das Bett frisch bezogen. Eine gemütliche Coach, der Fernsehen und der Schreibtisch. Liebevoll von seiner Familie geplant und eingerichtet. Die Sonne scheint. Abdul lässt seine Ukulele erklingen und trällert vor sich hin.