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24. November 2015
Die Bilder, die hinter ihm zu sehen sind, hat Nader Ismail mit der letzten ihm verbleibenden Kamera auf seiner Fahrt über das Mittelmeer geschossen. Den Rest seiner Ausrüstung verschlang das Meer. © pkh

Die Bilder, die hinter ihm zu sehen sind, hat Nader Ismail mit der letzten ihm verbleibenden Kamera auf seiner Fahrt über das Mittelmeer geschossen. Den Rest seiner Ausrüstung verschlang das Meer. © pkh

Folter, Flucht, Träume

Von: Marie Kleine

Nader Ismail (25), Flüchtling aus Syrien, will sich als Fotograf in Deutschland eine neue Existenz aufbauen. Im ka:punkt zeigt er Bilder aus seiner Heimat und Fotografien, die seine Flucht nach Deutschland dokumentieren. Ein Porträt über einen jungen Mann, der trotz Gefängnis und Folter in die Zukunft blickt.

  Vier Tage lang versuchten sie ihn zu brechen. Mit Schlägen und Stößen. Sie fesselten seine Hände hinter seinem Rücken und zogen ihn hinterrücks mit einem Seil an die Decke. Sie versuchten es mit Elektroschocks. Er wusste nicht, wo er war. Sie wollten wissen, ob er diese Fotos geschossen habe. Wer auf den Fotos zu sehen sei. Nader Ismail, damals 23 Jahre alt, schwieg. Er musste Zeit gewinnen für seine Freunde. Wenn sie von seinem Verschwinden hörten, würden sie fliehen. Er musste ihnen einen Vorsprung verschaffen. An einem Checkpoint hatte die Polizei seine Kamera entdeckt. Als er mit verbundenen Augen an einem geheimen Ort in seine ein Meter mal zwei Meter Einzelzelle gesperrt wurde, raunte ihm ein Mittelsmann zu: „Was auch immer sie machen, sag ihnen nichts. Dann bist du in zwei Monaten hier raus.“ Sie schlugen ihn weiter. Sie kannten viele Wege, Menschen zum Sprechen zu bringen. Am fünften Tag brach Nader. Er sagte ihnen alles, was sie wissen wollten. Einen Monat lang saß er in seiner Einzelzelle und wartete. Aber er hatte lange genug durchgehalten. Die Polizei kriegte seine Revolutionsbrüder nicht mehr.

Also kam er in ein anderes Gefängnis, vier Meter mal fünf Meter breit. Ein Raum für fünfzehn Gefangene. Viele wussten nicht, warum sie hier waren. Sie waren keine Anhänger der Revolution. Aber anscheinend war irgendein Bekannter bei der Revolution. Oder jemand hatte ihren Namen genannt. Sie bekamen Wasser und Brot. Ihre Bärte und das Haar wucherten. Sie konnten kaum schlafen, weil der Platz zum Hinlegen nicht für alle reichte. Die Wärter griffen sich Gefangene und schlugen sie mit Kabelbindern, bis ihnen das Fleisch in Stücken vom Körper gerissen wurde. Wenn sie den Raum betraten, mussten alle Gefangenen aufstehen und den Wärtern den Rücken zudrehen. Sie hatten Angst vor ihren Gefangenen. Angst vor ihrer Rache. Eines Tages nahmen sie ihn und drei andere Gefangene mit. Sie sollten jetzt frei gelassen werden. Vorher mussten sie noch zum Bürgermeister seiner Geburtsstadt Lattakia. Zu einem Medientermin, um vor der Kamera für ihre Freilassung zu danken. Und zu versichern, dass sie sich jetzt in Zukunft viel besser verhalten würden. Nader musste erzählen, dass er ein Gelegenheitsdieb gewesen sei. Kein Wort über die Revolution. Er setzte sich in ein Taxi und fuhr nach Hause zu seinen Eltern und dem jüngeren Bruder. Er fühlte sich wie neu geboren. Monatelang hatte er davon geträumt, was er in Freiheit alles tun würde. Er entschied sich für einen anderen Pfad als den der Rache.

Eigentlich hatte Nader Informatik studiert. Aber schon seit dem Jahr 2010 war er als Fotograf aktiv. Als die Revolution in Syrien begann, versuchte das herrschende System sie zu verschweigen. Nader war enttäuscht. Er wollte in Syrien nicht nur überleben. Er wollte etwas verändern. Darum schloss er sich 2012 der Revolution an. Freunde flehten ihn nach seinem Gefängnisaufenthalt an, zu ihnen in den Libanon in Sicherheit zu kommen. Doch dort traf Nader auf die Hisbollah- Milizen. Keine Stabilität und sicherlich keine Möglichkeit für ihn als Fotograf zu arbeiten. Also ging er zu anderen Freunden in die Türkei und fand dort einen Job für eine Organisation, die Fotos und Videos von der Revolution in Syrien verbreitete. Er schoss Fotos über das Leben syrischer Flüchtlinge in der Türkei und arbeitete als Graphikdesigner. Als der IS die Grenzregion zwischen Syrien und der Türkei einnahm, stoppte der Fluss an Bildern und Videos. Nader wurde weiterhin bezahlt. Aber er fand heraus, wer hinter der Organisation steckte, für die er arbeitete. Ein reicher Syrer aus einer zwielichtigen Familie, der sowohl mit dem IS als auch mit den Regierungstruppen Geschäfte machte. Nader glaubt nicht an Gott. Er ist nicht religiös erzogen worden. Aber er glaubt an eine höhere Macht. Und vor allen Dingen daran, sich ethisch korrekt zu verhalten. Ein Träumer und Humanist. Er verurteilt Menschen, die mit dem Leid von Flüchtlingen ihr Geschäft machen.

Er kündigte den Job und beschloss nach Deutschland zu gehen. Er glaubt hier etwas lernen zu können, was ihm eines Tages helfen könnte, die Welt zum Guten zu verändern. Auch das Wetter schien annehmbar in Deutschland zu sein. Er packte seine Ausrüstung und schloss sich einer Gruppe anderer Syrer aus seiner Heimatstadt an der Küste an. Die hatten ein passendes Boot gekauft für die Reise und wussten, wie man es steuert. Eine digitale Spiegelreflexkamera mit halb leerem Akku blieb ihm, als er auf offener See nachts von einem kleinen Zubringerboot auf das Boot nach Italien umstieg. Er sah noch, wie sein Rucksack mit der Videoausrüstung, den Kameraobjektiven zum Wechseln und seinem Pass ins Mittelmeer plumpste. Er hatte eine Video- und Fotoreportage geplant. Über Menschen, die auf einem schmalen Grad zwischen Tod und Leben nach dem Ende ihres Leides suchen. Wie ihre Flucht wirklich aussah. Wie Menschen reagieren können, wenn sie im Krieg alles verloren haben. Wenn es nicht ausreichend ist zu hoffen, dass man Glück hat und einen legalen Weg über die Botschaften nach Europa findet. Wenn man lieber sieben Tage auf dem Meer in Lebensgefahr verbringt, als tatenlos in der Türkei zu verbleiben.

Nader drückte immer wieder auf den Auslöser. Am letzten Tag ihrer Reise ging das Essen aus. Als Fotograf blieb er durch die Linse auf Distanz. Der Fokus und die Konzentration bei der Arbeit ließen ihn über den Dingen stehen. Ein italienisches Militärboot fand sie schließlich und begleitete sie zur Küste. Nader dachte, dass es kompliziert werden würde, von dort nach Deutschland zu kommen. Doch nachdem er Frankreich erreicht hatte, nahm er einfach den Zug. Mehrere Stationen in Deutschland und einen anerkannten Asylantrag später lernt er heute Deutsch. Englisch spricht er fließend. Er will hier bleiben, erstmal. Die Deutschen findet er zwar verschlossen und unflexibel. Er versteht ihre Regeln nicht immer. Aber er schätzt die direkte und ehrliche Art. Sie gibt ihm Vertrauen zurück. Vertrauen in die Menschen, das verloren gegangen war. Er kann sich nicht wirklich daran erinnern, was für eine Art Mensch er vor dem Jahr 2012 war. Normal war er wohl gewesen, etwas stiller als heute. Mit nicht so vielen Ideen, Grundsätzen und Träumen. Die Liebe zur Fotografie ist ihm geblieben. Auf ihr wird Nader sein neues Leben in Deutschland aufbauen.

 

 

Rund 20 Fotografien von Nader Ismail werden ab Samstag, 28. November, im ka:punkt in der Innenstadt von Hannover (Grupenstraße 8) gezeigt werden. Die Vernissage, bei der er mehr zu den Bildern sagt, die seine Flucht nach Deutschland dokumentieren, beginnt um 17 Uhr. Bis zum Donnerstag, 14. Januar, werden die Bilder im Forum während der Öffnungszeiten des ka:punkts (Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr und Samstag 12 bis 16 Uhr) zu sehen sein. Mehrere Bilder können in Abzügen erworben werden. Ein Teil der Einnahmen geht an die Organisation Sea-watch.