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24. Juli 2015
Josefa Luengo, ihre Mutter Maria Rebanal Cano und die beiden Töchter Liana und Alicia Vegas (v.l.n.r.) fühlen sich der Spanischsprachigen Mission ganz unterschiedlich tief verbunden. Bei der Plaza Cultural sind sie trotzdem alle dabei, um an ihrem Stand Spanien zu repräsentieren. © pkh/ Koch

Josefa Luengo, ihre Mutter Maria Rebanal Cano und die beiden Töchter Liana und Alicia Vegas (v.l.n.r.) fühlen sich der Spanischsprachigen Mission ganz unterschiedlich tief verbunden. Bei der Plaza Cultural sind sie trotzdem alle dabei, um an ihrem Stand Spanien zu repräsentieren. © pkh/ Koch

Eingeladen hat zur Plaza Cultural die spanischsprachige Katholische Mission. Insgesamt 16 Nationen sind dem Aufruf gefolgt. ©pkh/ Koch

Eingeladen hat zur Plaza Cultural die spanischsprachige Katholische Mission. Insgesamt 16 Nationen sind dem Aufruf gefolgt. ©pkh/ Koch

Josefa Luengo, ihre Schwester Augustina Luengo Cano und eine Bekannte der beiden rühren die Paella an und würzen ordentlich mit Chili. © pkh/ Koch

Josefa Luengo, ihre Schwester Augustina Luengo Cano und eine Bekannte der beiden rühren die Paella an und würzen ordentlich mit Chili. © pkh/ Koch

Auf der Bühne tanzt währenddessen die mexikanische Tanzgruppe „Sol de Mexico“ zur Musik der Mariachi- Band „El Dorado“ (im Hintergrund). Fast jedes ihrer Lieder endet auf einem markanten „Sí señor“. © pkh/ Koch

Auf der Bühne tanzt währenddessen die mexikanische Tanzgruppe „Sol de Mexico“ zur Musik der Mariachi- Band „El Dorado“ (im Hintergrund). Fast jedes ihrer Lieder endet auf einem markanten „Sí señor“. © pkh/ Koch

Heimat, Rückzugsraum und ein Ort unter vielen

Von: Marie Kleine

Schon seit den 60er Jahren lebt die Familie von Maria Rebanal Cano aus Spanien in Hannover. Sowohl ihre Töchter als auch ihre Enkelinnen sind mit der spanischsprachigen katholischen Gemeinde der Stadt aufgewachsen – und doch haben sie alle ganz unterschiedliche Gefühle und Einstellungen, was Kirche für sie heute bedeutet.

Es ist Samstag, die Sonne scheint und ein laues Lüftchen weht auf dem Platz vor der Basilika St. Clemens in Hannover. Liana Vegas‘ schwarzer Lockenkopf zischt hinter einem kleinen Ständchen mit Paella und spanischen Gebäck hin und her. Unablässig schenkt die zierliche 27- Jährige zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Alicia Vegas Getränke an die Besucher aus, die sich auf dem Kirchplatz zur Feier der vierten Plaza Cultural Iberoamericana eingefunden haben. Ein Fest, bei dem sich mehr als 2 000 Schaulustige an solchen Ständen wie an dem von Liana über spanische und lateinamerikanische Sitten und Gebräuche informieren. Für jedes Land typische Speisen und Getränke werden angeboten. Und ein Fest mit einem ausgefeilten Bühnenprogramm von Flamenco, peruanischen Volkstänzen bis hin zu mexikanischen Mariachi- Gruppen. Eingeladen dazu hat die spanischsprachige Katholische Mission, um den in ihr vereinigten 16 meist lateinamerikanischen Nationen die Chance zu geben, sich der Stadt zu präsentieren und auch ihre Formen der Verehrung Gottes und der Frömmigkeit zu zeigen.

Liana und Alicia repräsentieren an ihrem Ständchen Spanien. Ihre Mutter Josefa Luengo setzt gerade die Paella auf. Hungrige Besucher werden schon ungeduldig. „Dauert noch eine Stunde jetzt. Una hora“, wiegelt Liana die Meute ab. Die Paella muss erst noch durchziehen. Liana könnte an einem schönen Samstagmittag wie diesem etwas mit ihren Freunden unternehmen. Oder einfach nur rumhängen, schließlich hätte sie sich das als Innenarchitektin am Wochenende verdient. Aber trotzdem ist Liana dem Aufruf der Kirche gefolgt und steht bis zu sechs Stunden als Bedienung und Ansprechpartnerin am Stand. „Ich war schon letztes Jahr hier, um meine Mutter zu unterstützen. Sie ist sehr aktiv und in der spanischsprachigen Gemeinde verbandelt“, sagt Liana. „Ich selbst bin nicht aktiv in der Gemeinde, obwohl ich mit der Gemeinde aufgewachsen bin und man sich kennt. Ich habe eher ein Verhältnis zur spanischsprachigen Gemeinde, wie es die meisten deutschen jungen Erwachsenen auch zu ihren Gemeinden haben.“ Heimat in der Kirche – das ist für Liana nicht mehr denkbar. „Ich weiß aber, dass das für meine Mutter und meine Oma anders ist“, sagt sie. Gerade ihre Oma, Maria Rebanal Cano, war auf die spanischsprachige Katholische Mission angewiesen, als sie 1965 von ihrem kleinen Dörfchen in der Region Extremadura mit ihrer Familie nach Hannover kam.

„Mein Mann war 1962 mit einem Jahresvertrag bei der Post nach Hannover vorgegangen“, übersetzt ihre Familie für Oma Maria aus dem Spanischen. Ihr Deutsch ist selbst jetzt noch nach so vielen Jahren in Deutschland brüchig. „Ich kam dann bald nach und arbeitete erst für die Telekom und dann für die Post. Wir kannten hier niemanden, wir konnten kein Wort Deutsch.“ In der Gemeinde fand die heute 76- Jährige Anschluss an andere Auswanderer. Die Kirche bot ihnen eine Heimat. „Später haben wir dann auch in Deutschland Heimat gefunden und jetzt haben wir viele Freund hier“, sagt sie und nimmt einen Teller mit einem mexikanischen Reisgericht entgegen. Mutter Josefa hat ihn ihr besorgt. Entspannt sitzt Oma Maria jetzt auf einer kleinen Bank hinter dem Stand und schaut ihren Enkelinnen und dem bunten Treiben auf dem Platz zu. „Ich komme gerne hierher, ist wie Familie“, sagt sie dann doch noch auf Deutsch und schiebt sich lächelnd eine Portion Reis in den Mund.

Josefa rührt währenddessen die Paella gewissenhaft um. „España“ steht in großen Lettern auf ihrem roten T- Shirt. „Ich bin von klein auf mit der spanischsprachigen Gemeinde aufgewachsen“, erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend zurück. „Mein Vater hat auch oft in der Gemeinde mitgeholfen. Ich bin da einfach so reingewachsen.“ Geboren wurde Josefa noch in der spanischen Provinz, doch aufgewachsen ist sie eher in Hannover. „Die Gemeinde hat mir sehr geholfen, dass meine Wurzeln nicht verloren gegangen sind. Ich weiß, dass viele erwarten, dass wir uns total integrieren. Aber hier in unserer Gemeinde kann man die eigene Kultur, Sprache und Frömmigkeit ausleben. Mir ist wichtig, dass das nicht verloren geht“, sagt die 53- Jährige, die an der Oper in Hannover arbeitet. Ihre sechs Jahre jüngere Schwester Augustina Luengo Cano hat ganz ähnliche Erfahrungen wie Josefa gemacht. „In der Gemeinde haben wir Freunde gleichen Alters gefunden und Ausflüge gemacht, in der Schule gab es dann deutsche Freunde und Integration“, sagt sie augenzwinkernd und setzt sich neben Oma Maria, um ihr den Reisteller zu halten. „Ich habe es auch mal mit einer deutschen Kirchengemeinde versucht, aber die Spanier sind lustiger.“

Auf der Bühne geht es inzwischen hoch her: Pfarrer Salvador von der spanischsprachigen Katholischen Mission begrüßt die Ehrengäste des Tages. Oberbürgermeister Stefan Schostok, ein argentinischer und ein peruanischer Konsul sind gekommen. Auch vom Generalvikariat des Bistums Hildesheim ist mit Dr. Christian Hennecke ein Vertreter da. „Sie alle helfen, die spanischsprachige Bevölkerung der Stadt zu integrieren“, sagt Oberbürgermeister Schostok. „Gerade für eine Stadt wie Hannover ist der Zusammenhalt wichtig, der bei diesem Fest über Ländergrenzen hinweg spürbar ist. Hannover zeigt sich heute als das Spanien, Brasilien oder Argentinien des Nordens.“ Überschäumender Jubel schlägt dem Oberbürgermeister von den Besuchern entgegen. Fast schon etwas irritiert winkt Schostok in die Menge. Direkt nach ihnen tritt eine bolivianische Tanztruppe auf. Die Menge tanzt mit. Liana lacht. Sie ist eine Vertreterin der berühmten dritten Generation von Auswanderern – die Generation von der man überspitzt manchmal sagt, dass sie entweder total integriert ist oder kriminell, weil in einer hoffnungs- und perspektivlosen Lage gefangen. Liana ist gebildet, hat einen tollen Job und spricht fließend Deutsch und Spanisch. Der Glaube ist ihr wichtig, die Kirchengemeinde nicht ganz so. Was für ihre Oma Heimat und für ihre Mutter Rückzugsraum für die eigenen kulturellen Wurzeln bedeutete, ist für sie und ihre Schwester nur noch ein Ort unter vielen. Vielleicht wird Liana die Erste in der Familie sein, die keinen Spanier heiraten wird. Deutsch ist ihr Freund aber nicht, sondern gebürtiger Portugiese. Trotzdem hält sie die spanischsprachige Gemeinde für sehr wichtig. „Gerade durch die Krise in Spanien habe ich beobachtet, dass viele Spanier wieder neu nach Deutschland kommen. Die Gemeinde bietet für sie extra Veranstaltungen an. Und für diese Menschen wird die spanischsprachige Mission wieder Heimat bedeuten. Genau wie für meine Oma.“