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18. November 2015
Propst Martin Tenge setzt sich dafür ein, mehr miteinander in den Dialog zu treten und Vertrauen zu fassen. © pkh

Propst Martin Tenge setzt sich dafür ein, mehr miteinander in den Dialog zu treten und Vertrauen zu fassen. © pkh

Verunsicherung und Vertrauen

Propst Martin Tenge hat einen Tag nach der Absage des Fußballländerspiels Deutschland- Niederlande in Hannover die Menschen in Stadt und Region Hannover dazu aufgefordert, einander zu vertrauen. Der gestrige Abend habe eine „tief sitzende Spur der Verwüstung hinterlassen, nämlich den Schaden des Vertrauensverlustes“ ineinander. Lesen Sie hier die komplette Stellungnahme.

Im Rahmen einer Initiative des Freundeskreises Hannover, der zur Aktion LICHTzeichen aufge­rufen hatte, war ich am Abend des geplanten Länderspiels gestern gerade zusammen hunderten Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur mit brennenden Kerzen in der Hand am Stadion angekommen. Wir wurden freundlich von der Polizei empfangen, aber zugleich gebeten, umgehend wieder zu gehen. Das Spiel war wenige Minuten zuvor abgesagt worden. Das Licht­zeichen der Menschen wurde gesetzt, es konnte sich nur nicht lange entfalten. Das Spiel, das zu einem Symbol der Freiheit und Solidarität werden sollte, musste sich dem Diktat des Terrors unterwerfen, auch wenn – Gott sei es zutiefst gedankt – niemand zu Schaden gekommen ist.

Und doch hat der Abend eine tief sitzende Spur der Verwüstung hinterlassen, nämlich den Schaden des menschlichen Vertrauensverlustes.

Der Terror wirkt auf eine letztlich völlig feige Weise: Er ist im Vorfeld nicht erkennbar, er handelt aus dem Nichts und ist anschließend nicht greifbar. Selbst wenn die Selbstmord-Attentäter identifiziert werden, gibt es keine Form der Auseinandersetzung mit ihnen, denn oft sind sie tot.

Um als Betroffener mit einer kritischen Situation umgehen zu können, brauche ich ein Gegenüber, mit dem ich mich auseinander setzen kann. Wenn es dieses Gegenüber nicht gibt, werde ich hilflos und zugleich aggressiv. Wer schon mal zuhause einen Einbruch erlebt oder anonyme Briefe bekommen hat, kennt dieses Gefühl nur zu gut.

Angesichts des Terrors – auch in Hannover – gibt es ein vergleichbares Phänomen: Es fehlt das Gegenüber. Umso mehr wird ein Ersatz-Gegenüber gesucht. Viele Menschen suchen und finden es nun in den Muslimen und den Menschen, die als Migranten bei uns leben. Völlig unschuldige Menschen werden zu den berühmten Sündenböcken für die Taten derer, die sich nicht selber verantworten.

Eines zeigt uns die Lage der letzten Tage und Wochen erneut: Es gibt Menschen, die unser Vertrauen in keiner Weise verdienen. Übrigens nicht nur in der Terror-Szene, sondern überall in der Gesellschaft, wie uns die jüngsten Skandalenthüllungen vor Augen geführt haben.

Im Gespräch mit einem befreundeten Muslim am heutigen Tag war ich sehr betroffen, als er mir sagte, dass ihn Menschen, mit denen er seit Jahren einen ganz normalen Umgang hat, auf einmal meiden und sogar mit dem Verdacht auf Bomben in Verbindung brachten, als er mit einem kleinen Reisekoffer unterwegs war. Er war tief erschüttert und fragte sich, wozu er seit Jahrzehnten einen vertrauensvollen Umgang mit den Menschen seiner hiesigen Heimat pflegt.

Ja, es gibt Menschen, die unser Vertrauen nicht verdienen. Aber es ist nicht angemessen, aus einer eigenen Unsicherheit heraus jetzt ganze Gruppierungen zu verdächtigen und damit pauschal zu verurteilen. Wir persönlich und als Gesellschaft müssen zeigen, dass wir eine andere, menschenwürdigende Art des Umgangs miteinander haben.

Es würde uns als Personen und uns als Gesellschaft gut tun, wenn wir einander in persönlichen Begegnungen öfter und deutlich sagen würden: Ich vertraue dir!

Von: Marie Kleine