Barockengel für die Italienerin an der Leine

Festival Hannover leuchtet gestartet: Der Wiener Künstler Harald Tragweindl setzt die Basilika St. Clemens mit Farbe in Szene

Sie spielen Harfe und Flöte, sind lässig in ein pinkes und ein blaues Tuch gekleidet und haben jene für eine Zeitepoche so charakteristischen füllige Wangen zwei Putten, zwei Barockengel zieren noch bis zum 18. November die Fassade der Basilika St. Clemens. Aber nur nach Einbruch der Dunkelheit und immer nur kurzzeitig. Die Basilika St. Clemens ist einer der Lichtpunkte bei Festival Hannover leuchtet, das noch bis zu eben jenen 18. November die Innenstadt der Landeshauptstadt in vermeintlich grauen Tagen strahlend-bunt macht: Immer zwischen 17:30 und 23 Uhr.

Drei Stillleben lässt der Wiener Künstler Harald Tragweindl auf die Fassade und den Turm der Basilika projizieren, die etwa alle 30 Sekunden wechseln. Den Barockengeln folgt fast schon verwirrende Ornamentik, abgelöst von Farbenpracht. Diese Vielfalt der Stillleben ist inspiriert von einem für katholische Kirchen ungewöhnlichen Umstand: Die Basilika St. Clemens ist nicht nach Osten ausgerichtet, der Altar steht nicht in Richtung der aufgehenden Sonne als Symbol für die Auferstehung Christi. Denn als die Kirche um das Jahr 1710 von Bischof Agostino Steffani und dem Baumeister Tommaso Giusti konzipiert wurde, trafen sie eine doch wegweisende Entscheidung. Die Kirche musste nach dem Willen der protestantischen Stadtväter außerhalb der Stadtbefestigung in der Leinemasch errichtet werden. Die Entscheidung der Bauherren: das Portal der neuen Kirche soll zur Stadt hin zeigen. Deshalb ist sie nach Westen ausgerichtet.

Diese unorthodoxe, einladende, den Menschen zugewandte Bauweise will Tragweindl mit seiner Installation unterstreichen. Mehr noch: "Die Lichtstrahlen sollen aus dem Inneren der Kirche hinaus strahlen in die Stadt hinein." Ganz so, wie es Steffani und Giusti mit dem zur Altstadt geöffneten Portal beabsichtigt haben.

Zusammen mit der Basilika werden weitere markante Gebäude und Treffpunkte angeleuchtet und durch einen Laserstrahl als Lichtfaden verbunden. Damit wird für Besucher auch ein Weg in der Dunkelheit aufgezeigt. Farben und Formen dominieren beispielsweise die Installation Unterwasserwelt am Landesmuseum. Eine weitere Illumination mit geometrischen Figuren nimmt Bezug auf den großen Einfluss, den die Fassade des Großen Sendesaals des NDR-Funkhauses auf die moderne Architektur der 1950-er Jahre hat. Am Operhaus werden Digitalisierung und der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz in Beziehung gesetzt. Passend, war es doch Leibniz, der nicht nur als erster Wissenschaftler eine mathematische Dualsprache aus Einsen und Nullen ersann und damit eine der Grundlagen der Computertechnologie sondern auch Rechenmaschinen konstruierte.

Die Sehnsucht nach Frieden steht im Mittelpunkt einer Installation in der Aegidienkirche, dem Mahnmal für die Opfer von Kriegen und Gewalt inmitten der Landeshauptstadt. Sie nimmt die besondere Verbundenheit von Hannover und Hiroshima auf. Leitgedanke: Eine Familie in einer bunten Welt. An der Marktkirche entwickelt sich ein eher interaktives Kunstwerk durch die Besucher mit Teilen eines Schwarzlichtpuzzles. Weitere Akzente werden an der HDI-Arena, am Kröpcke mit einem für soziale Projekte sammelnden Lichtschwein, mit Lichtduschen am Maschsee-Nordufer und mit Installationen auf dem Goseriedeplatz, hier unter anderem mit einem beleuchtetem Modell des Brandenburger Tores.

Weitere Informationen: www.hannover-leuchtet.com

Rüdiger Wala