Schellen, Jagdhörner und die Bedeutung von Geschwisterlichkeit
Bolivientag des Bistums Hildesheim in Hannover
Bolivientag des Bistums Hildesheim in Hannover mit Verabschiedung von Dr. Dietmar Müßig als langjährigem Motor der Partnerschaft
Seit 38 Jahren besteht die „Hermandad“, die Geschwisterschaft, zwischen der Kirche von Bolivien und dem Bistum Hildesheim. 29 Jahre davon hat sie an maßgeblicher Stelle Dietmar Müßig gestaltet und vorangetrieben. Nun wirkt er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Pastoraltheologie der Hochschule Sankt Georgen. Beim Bolivientag des Bistums Hildesheim wurde Müßig verabschiedet.
Eigentlich reicht die Verbundenheit von Müßig mit dem lateinamerikanischen Land noch länger zurück. 1991 der erste Besuch, damals noch als Theologiestudent in Würzburg: Die Bekanntschaft mit Bischof Edmundo Abastoflor, zu dem Zeitpunkt Bischof von Potosi, bringt ihn zur Mitarbeit in der kleinen Pfarrei Inmaculada Concepción auf dem Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Erde – auf über 3600 Metern Höhe. Fünf Jahre später der zweite Besuch. Müßig, zu diesem Zeitpunkt Pastoralassistent des Bistums Hildesheim, ist aus reinem Interesse Teilnehmer einer der Begegnungsreisen, die immer noch ein Herzstück der Hermandad sind.
Ein halbes Jahr nach Ende der Begegnungsreise gibt es eine Anfrage aus dem Bischöflichen Generalvikariat: Ob er sich vorstellen könne, eine halbe Stelle als Referent für die Bolivienpartnerschaft zu übernehmen. Das Referat Weltkirche wird neu strukturiert, da der bisherige Leiter und „Aufbauhelfer“ der Partnerschaft, Jesuitenpater Heinz-Walter Hammes, das Bistum verlassen wird.
Müßig sagt zu, wechselt später voll als Bolivienreferent an den Domhof in Hildesheim, wird in der Folge bis zur Neuausrichtung der weltkirchlichen Arbeit als Leiter der entsprechenden Diözesanstelle und Direktor der Päpstlichen Missionswerke im Bistum Hildesheim berufen.
In all den Jahren setzt Müßig in Zusammenarbeit mit der Bolivienkommission des Bistums deutlich Akzente in der Hermandad. Echte Geschwisterlichkeit bedeutet für ihn dreierlei: Zum einen Menschen für die Situation in Bolivien zu berühren – sowohl für die sozialen und ökologischen Nöte als auch für die reiche Kultur des Landes. Zum Zweiten: Die Partnerschaft ist eine Sache des gesamten Bistums, von vielen Pfarreien und Verbänden, nicht nur von Hauptamtlichen im Generalvikariat. Drittens schließlich heißt Geschwisterlichkeit, sich auch politisch für Bolivien einzusetzen.
Müßig wird zum Lobbyarbeiter: Die Partnerschaft wird Teil einer weltweiten Kampagne, mit der den ärmsten Ländern auf Erden – darunter Bolivien – große Teile ihrer Auslandschulden erlassen werden sollen. Das gelingt – doch stellen sich weitere Fragen: Wie kann sichergestellt werden, dass das nun für die Schuldentilgung nicht mehr aufzubringende Geld für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur in Bolivien eingesetzt wird, statt in dunkle Kanäle zu verschwinden? Mit dem Erbe des Hildesheimer Diözesanpfarrers Achim Muth wird die Gründung und dauerhafte Unterstützung der Stiftung „Jubileo“ möglich: ein gemeinsames Projekt des Bistums Hildesheim und der Kirche von Bolivien. Aufgaben der Stiftung sind politische Bildungsprojekte und die Sozialkontrolle der öffentlichen Haushalte des Landes. Die „Fundación Jubileo“ gilt heute als eine der wichtigsten Nichtregierungsorganisationen Boliviens und in ganz Lateinamerika.
Mehr und mehr rücken die in Bolivien fast alltäglich gewordenen Naturkatastrophen in den Blickpunkt der Hermandad: weitreichende Überschwemmungen wechseln mit lang anhaltenden Dürren, Gletscher schmelzen, Trinkwasser wird knapp, der Abbau von Erzen und Mineralien verseucht Böden. Ausgehend von der Hermandad wird die Allianz für die Schöpfung als gemeinsames Projekt der Kirche von Bolivien und des Bistums Hildesheim ins Leben gerufen.
Persönlich zeigt sich Müßig beeindruckt von der Spiritualität der andinen Völker Boliviens, ihrer besonderen Verbindung zur Pachamama, zur Mutter Erde – und ihrer Nähe zur Schöpfungstheologie und zum Verhältnis von Menschen und Mitgeschöpfen. Damit wird sich Müßig nun als wissenschaftlicher Mitarbeiter in St. Georgen im Rahmen eines Forschungsprojektes befassen.
All diese Verdienste werden beim Bolivientag gewürdigt durch den Hildesheimer Generalvikariatsrat Dr. Christian Hennecke und durch den Vorsitzenden der bolivianischen Bischofskonferenz, Bischof Aurelio Pesoa Ribera, der gerade mit mehreren Amtsbrüdern in Europa unterwegs ist. Auch Dr. Thorsten Hoffmann, Leiter der Weltkirche im Bistum Trier – dem dritten Partner in der Hermandad – und Juan Carlos Nuñez, Direktor der Fundación Jubileo, dankten Müßig für sein unermüdliches und prägendes Engagement.
Doch diese Würdigung hat nicht nur Worte, sondern auch Klänge. Zum einen Jagdhörner, gespielt von Studierenden der Forstwissenschaften. Ein letzter Beitrag von Müßig zur Bolivienpartnerschaft war die Begleitung einer deutsch-bolivianischen Studiengruppe zu Fragen von nachhaltiger Landwirtschaft und Agroforstsystemen.
Zum anderen erklangen Schellen, befestigt an den Füßen bolivianischer Tänzer*innen. Folklore, hauptsächlich Musik und Tanz, haben seit jeher einen hohen Stellenwert in der Hermandad. Sie geben der Geschwisterlichkeit Rhythmus.
Einer von vier Workshops des Bolivientages in den Räumen der Katholischen Akademie ist dann auch Musik und Tanz gewidmet. Ein weiterer greift die „Agroforstwirtschaft“ – eine Kombination aus Land- und Forstwirtschaft, bei der Bäume auf Ackerflächen gepflanzt werden. Diese Praxis hat eine lange Tradition in indigenen Kulturen wie in Bolivien, und ist ein Beitrag zum Schutz von Klima und Boden. „Gemeinsam kochen: Bolivianische und deutsche Spezialitäten entdecken“ ist der dritte Workshop überschrieben.
Der vierte Workshop schließlich befasst sich mit den politischen Herausforderungen, vor denen Bolivien zurzeit steht. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen ist der Kandidat der seit 20 Jahren regierenden „Bewegung zum Sozialismus“ (Movimiento al Socialismo, MAS) nicht einmal in die Stichwahl gekommen. Jetzt treten mit Rodrigo Paz Pereira und Jorge Quiroga zwei Kandidaten an, die im politischen Spektrum eher rechts der Mitte eingeordnet werden. Bolivien steht mitten in einer Wirtschaftskrise mit leeren Staatskassen und hohen Preisen vor einem ungewissen Übergang.
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