Wenn der Kirchturm zur Wolke 7 wird

Kronsberg-Süd: Ein neuer Stadtteil in Hannover – ohne klassischen Kirchbau

Seelsorge im Stadtteil Kronsberg-Süd, dem größten Neubaugebiet Niedersachsens: Offen, zugewandt und durchaus unkonventionell. Das liegt auch an Schwester Magdalena Winghofer, die vermeintlich kleine Hilfen mit den großen Fragen verbindet.

Die Baukräne, die lange Zeit die Szenerie am Rande von Hannover geprägt haben, sind deutlich weniger geworden. Geröllhalden gibt es aber noch, Bauzäune mit im Wind flatternden Planen auch. Sogar eine Menge davon. Denn der hier in der Landeshauptstadt entstehende neue Stadtteil ist immer noch im Werden.

In drei Bauabschnitten werden im größten Neubaugebiet Niedersachsens um die 4000 Wohnungen gebaut, meistens zwischen fünf und acht Geschossen. 8500 Menschen sollen hier insgesamt einmal wohnen. Nicht nur das: eine Grundschule, sechs Kindergärten, Seniorenwohnungen, Einzelhandel, Gastronomie und andere Dienstleistungen, die zum Leben in der Nachbarschaft benötigt werden, gehören zum Konzept dazu.

Nur eines wird es nicht geben: eine Kirche. Ein Gotteshaus, egal ob evangelisch oder katholisch, ist nicht geplant – und doch ist die Katholische Kirche vor Ort präsent – sogar schon seit vor zwei Jahren die ersten Mieter eingezogen sind.

Diese Präsenz hat einen Namen und ein Gesicht: Sr. Magdalena Winghofer. Die 42-Jährige gehört zur Ordensgemeinschaft Congregatio Jesu, die eine kleineKommunität in Hannover hat. Gewissermaßen ist Sr. Magdalena selbst eine Neuzugezogene, denn sie lebt erst seit knapp über zwei Jahren in der Landeshauptstadt.

Was geht zwischen Bauzünen und den ersten Hochhäusern

Ihre Aufgabe, für die sie vom Bistum Hildesheim angestellt wurde: „Mitgestaltung der Pastoral in neu entstehenden Wohngebieten in Hannover“. Sr. Magdalena lächelt: „Da kann man viel darunter verstehen.“ Für sie eine Chance auszuloten, was zwischen Zäunen, Kränen und Baustraßen geht.

Schnell wurde sie zwischen den Hochhäusern bekannt – als „Nonne im Neubaugebiet“. Als Ordensfrau ist Sr. Magdalena schnell erkennbar. Denn sie trägt Schleier – zu den bequemen Schuhen, mit denen sie Kilometer um Kilometer im Wohnbaugebiet abgelaufen ist. Denn Spaziergänge schaffen Sichtbarkeit – und Kontakte für Netzwerke.

Ihre wichtigste Frage: „Was wollen wir als Kirche denn hier?“, und die Antwort der Ordensfrau: „Wir wollen, dass ein gutes Gemeinwesen entsteht.“ Das heißt, auch Gelegenheiten zu schaffen, dass Menschen sich in dieser Mischung aus bereits Wohnquartier und noch lange Zeit Baustelle treffen können. Von allein gehen sie meist nicht auf die Straße: „Also laden wir ein, um die Leute ein wenig zu verkuppeln“, sagt Sr. Magdalena.

So entstehen fast schon klassische, aber auch unkonventionelle Ideen zum Verkuppeln: ein Nachbarschaftscafé 60+ in der Tagespflege der Arbeiterwohlfahrt beispielsweise.

Hausbesuche, mobiler Spielplatz und ein Krippe im Durchgang

Eher klassisch. Auch Hausbesuche hat Sr. Magdalena gemacht. Manchmal ist es bei der Begrüßung an der Wohnungstür geblieben, manchmal dauerte der Besuch zwei Stunden. Manchmal musste und konnte Hilfe organisiert werden – zum Beispiel für Flüchtlinge ohne Möbel.

Aber da es noch keine Spielplätze gibt, wird regelmäßig montags eine mobile Variante auf einem Innenhof im Quartier angeboten. Schon ungewöhnlich. Im Rahmen der 72-Stunden-Aktion des BDKJ im April dieses Jahres wurde ein Kinder- und Familienfest förmlich aus dem Nichts organisiert. Unkonventionell, aber gelungen. Advent, Weihnachten und Ostern bringen Menschen auf den Straßen zusammen. Ostern werden Steine bemalt oder Eier gesucht. Im Advent kommt der Nikolaus und in einem geschützten Durchgang steht eine Krippe. Sie hat etwas von der Geburtsgrotte Jesu.

Noch eines führt Menschen zusammen: Straßenerkundungen. Zusammen mit dem Pastor der evangelischen Kirche aus dem benachbarten Stadtteil lädt Sr. Magdalena regelmäßig ein, die Straßennamen zu erkunden: „Viele Straßen wurden hier nach Frauen benannt, mit denen machen wir die Menschen vertraut.“ Zum Beispiel mit der Erfinderin der Einwegwindel oder einer Forscherin, die wegweisend für die Entschlüsselung des menschlichen Genoms war.

Aber trotzdem fehlt Sr. Magdalena etwas: „Im normalen Stadtteilbild wäre das der Kirchturm.“ Wobei dieser Turm weniger für ein sichtbares Gotteshaus steht, sondern mehr für einen Raum, der anders ist als alles andere in der Nachbarschaft.

Ladenlokal wird zur „Wolke 7“.

„Gutes menschliches Leben ist mehr als Wohnen, Einkaufen, versorgt sein oder andere zu versorgen“, ist Sr. Magdalena überzeugt: „Wir brauchen einen Freiraum zum einfach Da-Sein, in dem es nicht um Konsum, Leistung oder Arbeit geht.“ Mit Möglichkeit zum Rückzug aus dem Alltag, für einen Moment Stille, für einige Atemzüge, um zur Ruhe zu kommen, vielleicht auch um die Gedanken wandern zu lassen.

Genau das gibt es jetzt. Nahe der Endhaltestelle der Straßenbahn in zwei eigentlich als Ladenlokal gedachten Räumen eines Wohnblocks – der Kirchturm wird zur „Wolke 7“. So heißt das neue Angebot und der Untertitel macht deutlich, worum es geht: „Ein Raum für dich“.

Eigentlich sind es zwei Räume, die gleich neben einer Zahnarztpraxis genutzt werden. Gleich rechts nach dem Eingang geht es in einen Gruppenraum. Da hat Sr. Magdalena jetzt ein Büro, da können Veranstaltungen stattfinden – der Joker für schlechtes Wetter. Es gibt Kaffee, einen Wickeltisch und eine Toilette. Kleine, wichtige Hilfen im Alltag.

Links neben dem Eingang kann es um die großen Fragen im Leben gehen, im tagsüber immer geöffneten „Raum der Stille“. Er ist sehr zurückhaltend gestaltet – „damit Platz für Gedanken ist“, wie Sr. Magdalena es umschreibt. Der Blickfang ist eine vergoldete, in vier Teile zerbrochene Scheibe. Die Freiräume der Brüche können als Kreuz gelesen werden, müssen es aber nicht. Mit Absicht: „Wir verstecken nicht, dass wir ein Angebot der Katholischen Kirche sind“, sagt Sr. Magdalena, „aber alle sind willkommen.“ Was auch immer Menschen in die Räume führt, woran sie auch glauben – oder eben nicht. Der Raum der Stille wurde vom evangelischen Pastor und Künstler Axel Kawalla gestaltet.

„Alles, was sich entwickelt, werden die Menschen gestalten, die im Quartier wohnen“

Die großen, in Blau gehaltenen Schaufenster zieren menschliche Silhouetten. In aufgestellte Ziegelsteine können Zettel gesteckt, in ein Fürbittbuch Gedanken und Erinnerungen eingetragen werden: „Es ist ein Platz, der Raum für das Fröhliche, aber auch das Schwere im Leben bietet, für die großen Fragen, die auftauchen.“

Hier zeigt sich die zweite Absicht von Wolke 7: „Es gibt kein Konzept, es ist ganz bewusst ein Freiraum“, unterstreicht Sr. Magdalena. Denn alles, was sich entwickelt, werden die Menschen gestalten, die im Quartier wohnen. Sie werden entscheiden, wofür sie diesen Raum brauchen und was sie aus ihm machen.

Die Hoffnung von Sr. Magdalena: „Es soll ein Ort des Segens sein – für diese Kleinstadt, die hier gebaut wird.“ Gutes zusagen, die Verbindung von Himmel und Erde. Das trifft für Sr. Magdalena auch für dieses neue Quartier, das teilweise noch eine Baustelle ist, zu.

Mit diesem neuen Raum für praktische Hilfen undgroße Fragen. Das ist etwas, das sich auch durch die Straßenerkundungen zieht. Mit der Marion-Donovan-Straße – die Amerikanerin hat 1949 die Einwegwindel erfunden – und mit Rosalind-Franklin als Pionierin für die Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Genau an der nach der britischen Biochemikerin benannten Straße liegt „Wolke 7“. Passend. Weil der Segen immer Leib und Seele gilt.

  • „Wolke 7 – Raum für dich“, Kirche im Neubaugebiet, Rosalind-Franklin-Allee 80, 30539 Hannover (Eingang von der Kattenbrookstrift). Telefon: 0151 / 2020 6472, E-Mail: magdalena.winghofer@bistum-hildesheim.net . Mehr Informationen unter www.wolke7-kronsberg.de oder Instagram: @kirche_im_neubaugebiet

Rüdiger Wala