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03. Oktober 2019
Konzentriertes Arbeiten: Absatz für Absatz stimmen sich die Mitglieder des Pfarrgemeinderates und des Kirchenvorstandes von St. Bernward über den Bericht an Bischof Wilmer ab. Mit großer Einmütigkeit. Foto: Wala

Konzentriertes Arbeiten: Absatz für Absatz stimmen sich die Mitglieder des Pfarrgemeinderates und des Kirchenvorstandes von St. Bernward über den Bericht an Bischof Wilmer ab. Mit großer Einmütigkeit. Foto: Wala

Der Bischof kommt

… und die Aufregung ist groß. Aber es geht auch anderes: Zum Beispiel in St. Bernward in Nienburg, der ersten Station des Pastoralbesuches von Bischof Heiner Wilmer in der Region Hannover.

Visitation: Der Ortsbischof besucht eine seiner Pfarrgemeinde. Das ist eine Verpflichtung für jeden Bischof, wie es im Katholischen Kirchenrecht (CIC 396) heißt. Da gibt es ein Schreiben mit bischöflichem Siegel und eine Ankündigung im Kirchlichen Anzeiger. Schließlich wird eine Visitation vom Bischof selbst beschlossen. Das klingt ein bisschen nach Kontrolle. Sind die Kirchenbücher korrekt geführt? Wie sieht das mit der Jahresschlussrechnung aus? Und immer wieder die Frage nach dem Gottesdienstbesuch … Vistitationsordnungen in den Diözesen Deutschlands können zuweilen sehr lang sein – und ein Konsultationsbericht kann durchaus einmal quer durch Sakramente und Pfarreialltag pflügen.

Der Blick in die Bücher, die Normenkontrolle ist die eine Seite der Visitation. Aber schließlich leitet sich der Begriff vom lateinischen „visitatio" ab. Das meint „Sehen, Besichtigung, Besuch“. Da tritt neben die formale Normenkontrolle die Bestandsaufnahme. Oder besser noch:  Es geht um das Kennenlernen, das Hören von Sorgen und Herausforderungen, auch um Ermutigung.

"... davor hüten, lästig zu werden."

Nun heißt es aber im Kirchenrecht: „Der Bischof hat die Pastoralvisitation mit gebotener Sorgfalt durchzuführen; er soll sich davor hüten, durch Verursachung überflüssiger Ausgaben jemandem beschwerlich oder lästig zu werden.“ (CIC 398). Vielleicht war es dieser Verpflichtung geschuldet, dass zu Beginn der sich länger hinziehenden Visitation im Regionaldekanat Hannover, Bischof Heiner Wilmer drei Leitfragen vorausgeschickt hat:

  • wie leben und bezeugen wir heute glaubwürdig und in Freude das Evangelium,
  • wie können wir als Kirche attraktiv(er) sein,
  • wie leben wir die Nähe zu den Menschen, insbesondere zu den Bedrängten.

Dazu der Wunsch, die fünf Themen zu erfahren, die die Gemeinde am meisten bewegen. St. Bernward in Nienburg ist nun die erste Pfarrei, die von Bischof Wilmer im Sinne von Sehen und Besichtigung besucht wird.

„Die Fragen haben hier durchaus was in Bewegung gebracht“, sagt Rita Hunken, die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates (PGR). In zweierlei Hinsicht: ehrliche und umfassende Antworten zu finden – und den PGR wie den Kirchenvorstand selbst. Zu drei Fragen und fünf Themen wurde im Vorfeld des Pastoralbesuches unter den Kirchenbesuchern, den Gemeindegruppen und Gremien eine Umfrage durchgeführt. In den Gemeindegruppen, den Gremien und während der Pfarrversammlung fand im Anschluss an die Umfrage ein Rundgespräch statt.  Schließlich wurde der Bericht noch mal den Leiter*innen der Gemeindegruppen vorgelegt – zu einer letzten Stellungnahme.

Erhrliche Worte – und das einstimmig

Aber es fehlt noch der letzte formale Akt: eine gemeinsame Sitzung von Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand. „So häufig kommen wir mit beiden Gremien nicht zusammen“, sagt Pfarre Thomas Jung zur Begrüßung. 20 Frauen und Männer im großen Viereck versammelt im Pfarrheim. Absatz für Absatz wird durch den dreiseitigen – und damit ein klein wenig länger als vom Bischof vorgegeben – Bericht gegangen. Worte werden bedacht, Absichten abgewogen. Immer wieder stellt Jung die Nachfrage, ob der Bericht das trifft, was durch die Befragungen und Gespräche im Vorfeld ausgedrückt werden soll. Am Ende: wenige kleinere Änderungen, eine minimale Ergänzung – und ein einstimmiges Votum.

St. Bernward in Nienburg – über 4600 Katholikinnen und Katholiken, nicht nur in der Stadt selbst, sondern auf 25 Dörfer verteilt. Fast auf der Hälfte der Strecke zwischen Hannover und Bremen gelegen. Viel freies Feld drumherum. Ein Pfarrer eine Pfarrsekretärin, kein/e Gemeindereferent*in. Bis 2015 gab es in Rodewald mit der Hl. Familie noch eine Filialkirche. Sie wurde profaniert und verkauft. Im Gremiengespräch wird deutlich: So ganz ist dieser Verlust noch nicht abgeschlossen.

Ein wichtiger Bereich von St. Bernward: 30 Alten- und Sozialwohnungen, stadtnah gelegener, günstiger Wohnraum. Baujahr: 1966. Die Wohnungen sind übrigens die einzige Zahl, die der Bericht nennt. Keine Zahl für den Gottesdienstbesuch, keine Ziffer für Engagierte in Gruppen oder bei den Messdiener*innen. Es geht nicht um Auflistungen, das Herumwerfen mit Zahlen oder Statistiken.  Es geht um Einschätzungen: „Unsere Gottesdienste sind einladend und sorgfältig gestaltet und (noch) gut besucht“, heißt es beispielsweise im Bericht. Klare Worte – und zutiefst ehrliche dazu.

„Das war auch unsere Absicht“, betont Rita Hunken. Aufzuzeigen, was gut läuft, hinzuweisen, wo es Herausforderungen gibt und darzulegen, was nicht mehr machbar ist. So finden sich die Hinweise auf die ökumenische Lange Nacht der Kirchen, auf Fahrten und Zeltlager, die Gemeindegruppen und die Sternsinger, auf das Nutzen der Gemeinderäume durch die Volkshochschule, den Bund für Umwelt und Naturschutz oder den Hospizverein – gleichzeitig auch ein Hinweis auf die Zusammenarbeit mit ihnen. Wieder ein deutliches Fazit: „Die Umfrage hat ergeben: Attraktiv sind wir, wenn die Gemeinschaft, die wir im Gottesdienst feiern, auch außerhalb des Gottesdienstes erlebbar wird.“

Immer wieder im Mittelpunkt: Die Idee der Gemeinschaft

Gemeinschaft – das ist das Stichwort, dass Pfarrer Thomas Jung immer wieder in die Diskussion einwirft. Diese die durchaus regional zerstreute Gemeinde einende Gemeinschaft ist ein ganz besonderer Schatz. Aber einer, der gehegt werden muss. Auch in St. Bernward sinkt die Zahl der Engagierten, auch diese Gemeinde wird in absehbarer Zeit nicht nur ohne Pfarrer, sondern ohne Hauptamtliche in der Seelsorge sein, sondern im überpfarrlichen Personaleinsatz. Die Frage liegt nah: Wie soll das gehen?

Und auf ein weiteres wird von den Mitgliedern der Gremien aufmerksam gemacht: Wer sich als Katholik*in bekennt, gerät durchaus in einen Rechtfertigungsdruck. Die großen Skandale und Anfragen – der Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, das Verschwenden von Geld, das Pflichtzölibat, die von Männern geleitete Frauenkirche – beschäftigen auch die Katholik*innen in Nienburg.

Darüber wird nun zu reden sein – wenn Bischof Heiner Wilmer am 9. Oktober nach Nienburg kommt. Viele Gespräche stehen auf dem Programm: mit den Mitgliedern der Gremien, aber auch mit der Stadtverwaltung. Oder im Mütterzentrum. Der Gemeinschaft wegen. In den Mauern der Kirche, auf der Straßen der Stadt und den Dörfern ringsherum.

Von: Rüdiger Wala