Zum Inhalt springen
Impressum  Datenschutz

News anzeigen

22. Mai 2018

Die Basilika in "leg godt"

Mit den Händen greifen ist eine schöne Redensart. Große Spannung zum Beispiel lässt sich damit anschaulich beschreiben. Doch hier in der Basilika St. Clemens ist die Spannung mit Händen allein nicht mehr zu greifen. Eher mit Schaufeln. Oder gleich mit Baggern. das passt übrigens, wenn es sich um ein Gotteshaus aus Spielsteinen handelt.

Die Basilika ist voll besetzt ­– mit Expertinnen und Experten. Denn die knapp 300 Schülerinnen und Schüler der katholischen Eichendorffgrundschule aus Linden haben in den Tagen zuvor das Gotteshaus von oben bis unten erkundet. Von der Kuppel bis zur Krypta, von der Kunst bis zur Orgel, vor der Geschichte bis zur Zukunft. Kurzum: Projekttage über und in der Basilika.

Nun feiern sie zusammen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern sowie dem „Hausherrn“ der Basilika, Propst Martin Tenge Gottesdienst. Fröhlich, kräftig singend und quirlig. Die Basilika, die rund um den Kirchplatz angesichts ihres Alters liebevoll „Oma“ genannt wird, hätte ihre wahre Freude. Zumal die Kinder im Alter von sechs bis zehn ja auch zu ihrem 300. Geburtstag gekommen sind.

Doch auf ein Mal wird es still. Und da ist die Sache mit Spannung und Händen. Oder Schaufeln. Oder Baggern. Ein dunkelblaues Tuch verhüllt … Ja, was kann das sein. Propst Tenge weißt die Spannung noch zu steigern: „Wollt ihr auch so gerne wissen, was da versteckt ist?“ Eine kleine Frage lässt die Oma förmlich erzittern. Mehr Lärm kriegen auch die Bauarbeiter in der Krypta von St. Clemens nicht hin. Das „Jaaaaaa“ der 300 in den Bänken ist ohrenbetäubend. Und löst die Spannung.

Noch etwas anders wird gelöst. Das Geheimnis, was hinter dem blauen Tuch steckt. Propst Tenge hat eine Ahnung, das Wissen des Eingeweihten. Aber es bleibt eine Ahnung, denn was da nun ganz genau zum Vorschein kommt ist für ihn eine Überraschung. Langsam heben Lehrerin Anna Koziura und Lehramtsanwärterin Jessica Fahrig das Tuch hoch. Nun reichen auch keine Bagger mehr aus für die Spannung. Es ist: Ein Bild der Oma, der Basilika St. Clemens. In bunt. Und komplett aus Lego, aus den kleinen Plastikbausteinen gelegt, die Generationen miteinander verbinden. Den allerletzten Stein darf Propst Tenge einsetzen. Der Markenname leitet sich übriges aus dem dänischen "leg godt“ („spiel gut“). Denn Lego nahm 1932 im dänischen Billund seinen Anfang.

„Ach, dafür war das“ ist aus den Bänken zu hören. Denn während der Projekttage wurden in den Klassen Teile des Lego-Bildes gelegt, berichtet Lehrerin Gabriela Goetz: „Aber von den einzelnen Teilen konnte man nicht auf das ganze schließen.“

Trotzdem wurden Vermutungen angestellt. Auch von Rektor Wolfgang Schieke. Allerdings in, wie sich herausstellt, völlig falscher Richtung. Er vermutete eher Hungergefühle in Kollegium. Denn im Lehrerzimmer lagen plötzlich reichlich Pizza-Kartons herum. Nur enthielten diese nicht italienische Leckereien, sondern die einzelnen Lego-Teile für das Gesamtbild.

Jetzt treten Julian und Daniel nach vorne, die Schulsprecher. Sie erzählen den Werdegang des Bildes und das es ein Geschenk zum Geburtstag ist. Und sie haben einen Wunsch: Wenn der Geburtstag vorbei ist, dann könne das Bild wieder auseinander genommen: „Die Steine können dann bedürftigen Kindern geschenkt werden.“  Ein pragmatischer Vorschlag. Aber ob die Oma beziehungsweise die rund um St. Clemens lebenden und arbeitenden Mensch, die sich der Oma verbunden fühlen, das über’s Herz bringen? Zweifel sind angebracht.

Überhaupt: Die Schülerinnen und Schüler der Eichendorffschule haben nicht nur die Kirche erkundet, sie haben sich intensiv mit ihr auseinandergesetzt. Gleich vier Klassen haben sich beispielsweise damit beschäftigt, wie neue Kirchenfenster aussehen können. Tendenz: bunt. Als Ausdruck von Freude am Glauben. Drei andere Klassen haben Vorschläge erarbeitet, wie eine Kirche zum Wohlfühlen sein sollte. Tendenz: einladend, freundlich – und auch ein bisschen verspielt. Eine Klasse hat Glocken gestaltet, eine andere ein Modell der Inneneinrichtung von St. Clemens erarbeitet, eine weitere an einem „Internet-Rundgang“ mitgearbeitet, der demnächst ins Netz gestellt werden wird. Auch die Heiligen, die in der Basilika zu sehen sind, wurden eingehend betrachtet. Und eine Klasse hat ein Interview mit Propst Tenge geführt. Tendenz: schweißtreibend – wegen der vielen Fragen …

Klar, für die Kinder steht der Spaß in Vordergrund, ein paar Tage anders Schule zu haben. Zum Beispiel bei der Kirchenerkundung. Lehramtsanwärterin  Jessica Fahrig legt Zettel auf den Altar, versehen mit bestimmten Begriffen. „Tabernakel“ steht darauf oder „Osterkerze“ oder „Opferstock“. Jeweils zwei Kinder nehmen sich einen Zettel. Sie legen ihn an die Stelle, vor der sei meinen, das sei die richtige. „Das war leicht“, sagt Luca. Auf seinem Zettel steht „Ambo“. Das ist der Platz mit dem Mikrophon. Eine gute Eselsbrücke für den „Ort der Verkündigung“ im Gottesdienst.

Soley und Lena habe es schwieriger. „Schriftenstand“. Was das wohl ist? Doch mit ein bisschen Überlegen kommen die beiden Mädchen schnell darauf, was und vor allem wo das ist. Da, wo die vielen Zettel, Broschüren, Zeitungen sind. Macht es denn Spaß, mit solchen Zetteln durch die Basilika zu flitzen? „Klar“, sagen beide. Überhaupt: Die Kirche ist voll schön. So anders als ihre Heimatkirchen, in denen sie als Ministrantinnen aktiv sind. Ihr Lieblingsplatz. Auch hier Einigkeit: die Maria. Weil man dort Kerzen stecken kann um an andere zu denken. Klare Sache.

Gleich darauf flitzen sie wieder durch die Kirche. Diesmal ist die Aufgabe noch schwieriger. Jetzt haben sie Bilder in der Hand. Sie sollen die entsprechenden Gegenstände oder Kunstwerke in der Basilika finden. Nur: die Bilder zeigen allenfalls ein Detail. Schwierig. Zum Beispiel: Wo findet sich die Signatur des heiliggesprochenen Papstes Johannes Paul II. in der Kirche?

Frage am Rande: Wie viele Stunden haben denn die Lehrerinnen und Lehrer der Schule an der Vorbereitung gesessen. Vorlagen fotografiert, gedruckt und laminiert? „Fragen Sie nicht“, sagt Jessica Fahrig und lächelt. Eine freundliche Umschreibung für ziemlich viele Stunden …

Zurück zum Anfang der Projekttage: „Als wir hörten, dass St. Clemens Geburtstag feiert, haben wir gleich gedacht, da machen wir was“, erläutert Rektor Wolfgang Schieke. Im Kollegium kam man auf die Idee für solche Projekttage – auch weil sich hier Geburtstag und Unterricht in Religion, Kunst oder Deutsch  gut ergänzen. Der Spaß an der Sache hat auch seine pädagogische Seite. Die Erwartungen aber wurden übertroffen, sagt nun der Schulleiter, der selbst in St. Clemens getauft wurde: „Was hier geschaffen wurde – ich bin sprachlos und stolz.“

Von: Rüdiger Wala