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07. September 2020
Kommunikation, Wertschätzung und Nähe: Ohne diese drei Elemente kann der überpfarrliche Einsatz nicht gelingen, sagt Jutta Stenzel. | Foto: Wala

Kommunikation, Wertschätzung und Nähe: Ohne diese drei Elemente kann der überpfarrliche Einsatz nicht gelingen, sagt Jutta Stenzel. | Foto: Wala

Die Chancen und die Haken

Wie wirkt sich ein „überpfarrlicher Personaleinsatz“ auf die ehrenamtliche Arbeit in Pfarreien aus? Jutta Stenzel, Vorsitzende des Pfarrgemeinderates von St. Bonifatius in Wunstorf schildert ihre Erfahrungen. Der Diözesanrat der Katholik*innen hat nun eine Umfrage gestartet

Auf einmal ertönen Glocken – das Mobiltelefon von Jutta Stenzel klingelt oder besser schlägt. Am anderen Ende: Pfarrer Andreas Körner. „Ihr“ Pfarrer von St. Bonifatius in Wunstorf. Jutta Stenzel, 57 Jahre, Ärtzin und Sozialwissenschaftlerin, ist dort seit elf Jahren Vorsitzende des Pfarrgemeinderates.

Körner hat ein paar wichtige Informationen für Jutta Stenzel. Sie reden und flachsen, der Ton ist herzlich. Nur die Anrufqualität ist rauschend. Körner telefoniert aus dem Auto. „Das ist typisch für den überpfarrlichen Personaleinsatz“, sagt Jutta Stenzel: „Zeit für Gespräche haben unsere Priester eher beim Autofahren zwischen unseren Kirch­orten.“

Davon gibt es insgesamt sieben in den Pfarreien St. Bonifatius in Wunstorf und St. Peter und Paul in Neustadt am Rübenberge – die Pfarreien, die Körner zusammen mit Pastor Martin Tigges und der Gemeindereferentin Claudia Schwarzer betreut. Das macht jetzt schon viel Fahrzeit für aktuell über 5800 Katholiken. 2021 kommt St. Bernward in Nienburg dazu – und damit weitere 4500 Gläubige. Und weitere 40 Kilometer. Soweit ist es von Wunstorf nach Nienburg. „Also bis kurz vor Bremen“, meint Jutta Stenzel. Sie lächelt sarkastisch: „Ich habe unseren  Seelsorgern gesagt, dass ich ihnen irgendwann einen kleinen Hubschrauber schenke.“

Ohne gute Kommunikation geht es nicht

Was funktioniert gut am überpfarrlichen Einsatz (ÜPE)? „Team und Gremien unserer Gemeinden arbeiten eng zusammen, die Kommunikation ist wirklich gut“, unterstreicht Jutta Stenzel. Vor Ort organisieren Teams gemeinsamer Verantwortung (TGV) das kirchliche Leben. Aus ihnen werden Vertreter in den Pfarrgemeinderat von St. Bonifatius entsendet: „Hinzu kommen Vertreter aus den Kindertagesstätten, den Pfadfindern, den Ministranten – also aus den Einrichtungen und Gruppen, die die tragende Säule der Gemeinde sind.“ Auch wurden thematische Arbeitsgruppen eingerichtet.

Der überpfarrliche Personaleinsatz verändert die Arbeit der Ehrenamtlichen. „Natürlich machen wir mehr und vieles auf neue Art“, meint Jutta Stenzel. Es geht ja auch gar nicht anders, um das Leben vor Ort aufrechtzuerhalten – einschließlich Wort-Gottes-Feiern am Sonntag und Beerdigungen durch ausgebildete Laien.

Ihr Grundgefühl bei ÜPE: „Irgendwie kriegen wir das hin.“ Auch dann, wenn der pastorale Bereich deutlich größer wird. Aber ihr Eindruck bleibt, dass die Planungen am grünen Tisch, wie die Teams und ihre Bereiche geschnitten wurden, eines nur wenig beachtet haben: die Fläche. „Das ist schon ein bedeutender Unterschied zwischen Stadt und Land“, betont Jutta Stenzel. Größe ist nicht allein die Zahl der Gemeindemitglieder oder der Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Größe hat auch etwas mit zu fahrenden Kilometern zu tun: „Das müsste im Konzept, das dem ÜPE zugrunde gelegt ist, deutlicher berücksichtigt werden.“ Denn es gehe vor allem etwas verloren, was für den Glauben besonders wichtig ist: Nähe. Es braucht hauptamtliche Ansprechpartner vor Ort. Das kann, aber muss nicht der Pfarrer sein.

Wie Don Camillo mit wehender Soutane

Zudem lebe Nähe von kurzen Momenten: „Wie nach dem Gottesdienst beim Kirchencafé.“ Ein kurzes Wort der Wertschätzung durch den Pfarrer, die Möglichkeit ein paar Worte zu wechseln ohne große Terminabsprache – „das geht alles verloren, wenn der Pfarrer wie Don Camillo mit wehender Soutane von Gottesdienst zu Gottesdienst eilt.“

Unterm Strich bietet der ÜPE Chancen für  das Ehrenamt. Es wird nach Einschätzung von Jutta Stenzel bedeutender: Aus „einer macht für uns“ wird „wir machen“.  Aber diese Entwicklung hat auch ihre Haken. Dazu zählt auch, dass Ehrenamtliche nicht Pfarrer-Ersatz werden dürfen. „Deshalb müssen wir uns immer wieder neu fragen: Was macht das Amt des Pfarrers aus, was sind die Aufgaben einer Gemeindereferentin und was wuppen die Ehrenamtlichen?“, betont Jutta Stenzel.

Eines aber müsse klar sein: „Gerade für unsere älteren Leute gerät ihr Bild von Kirche völlig aus den Fugen.“ Nicht selten höre sie: „Wozu soll ich noch Kirchensteuer zahlen, wenn wir ohnehin alles selber machen?“ Jetzt wäre eine Stelle für eine Gemeindereferentin als Nachfolge zu besetzen. Ob jemand gefunden wird? Jutta Stenzel zuckt die Schultern. Nochmal: Irgendwie kriegen wir das hin.“

Umfrage des Diözesanrates

Der überpfarrliche Personaleinsatz ist bisher eher eine Angelegenheit der Hauptamtlichen. Aber was bedeutet "ÜPE" für die ehrenamtlichen Frauen und Männer, die sich für ihren Kirchort und ihre Pfarrei einbringen? Sei es im Pfarrgemeinderat, im Kirchenvorstand oder in der Pastoral. Oder in den „Teams gemeinsamer Verantwortung“ (TGV), die das Herzstück der Lokalen Kirchenentwicklung im Bistum sind. Sind sie es doch, die vor Ort Gemeinschaft fördern, dem Evangelium und Gebet Raum geben und den Blick auf die Bedürfnisse der Nachbarschaft einer Kirche richten sollen.

„Genau das möchten wir jetzt wissen“, sagt Angelika Löwe, Mitglied im „Diözesanrat der Katholik*innen“ im Bistum Hildesheim. Dazu hat eine Arbeitsgruppe einen Fragebogen entwickelt. Er umfasst insgesamt 39 Fragen, die aber aus verschiedenen Perspektiven beantwortet werden – je nach Grad oder Ort des Engagements. Niemand muss alle Fragen beantworten.

Breiten Raum nehmen vor allem Fragen zur Wahrnehmung des ehrenamtlichen Engagements durch das ÜPE-Team ein. „Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit vom Pfarrteam unterstützt?“, „Gibt es eine gute Kommunikation miteinander?“ sind zwei davon. Oder „Fühlen Sie sich wertgeschätzt mit ihren Gaben und Charismen?“ ist eine dritte Frage – und aus Sicht von Angelika Löwe eine besonders wichtige: „Lokale Kirchenentwicklung und der überpfarrliche Einsatz verändern unser Bild von Kirche grundlegend – auch und gerade im Ehrenamt.“ Für Angelika Löwe ist die Idee von „Gemeinsam Kirche sein“ kein Schlagwort, sondern Quelle ihres Engagements: „Wir sind aus Christus heraus zu einer Aufgabe berufen und fühlen uns verantwortlich.“

Grundsätzlich ist die Beantwortung des Fragebogens anonym. Es sei denn, dass bei der letzten Frage freiwillig angegeben wird, aus welcher Stadt oder Pfarrei man kommt. Der Fragebogen kann über die Webseite des Diözesanrates online ausgefüllt werden.  Mit einer Auswertung der Rückläufe ist bereits Mitte November zu rechnen.

Hier kann der Fragebogen ausgefüllt werden: Umfrage Überpfarrlicher Personaleinsatz

Oder lesen Sie hier: Ein Team zum Teilen

Nachfragen zum Fragebogen: Diözesanrat der Katholik*innen,
Geschäftsführerin Sabrina Stelzig,
Telefon: 0 51 21 / 307 307,
E-Mail: dioezesanrat@bistum-hildesheim.de

 

Von: Rüdiger Wala