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10. Mai 2018
Zu finden unter anderem im Matthäus-Evangelium (&,5 – 15): Das Vaterunser

Zu finden unter anderem im Matthäus-Evangelium (&,5 – 15): Das Vaterunser

Die Süße der Versuchung

„Soll ich sie wirklich essen?" Propst Martin Tenge packt eine Tafel Schokolade aus. Er wendet sie hin und her: "Eigentlich tut es mir gut, sie nicht zu essen und auf sie zu verzichten. Aber ich mag sie doch so gern! Es schädigt doch auch niemanden, wenn ich sie esse.“ Und schon sind die ZuhörerInnen beim Katholischen Deutschen Frauenbunde mitten im Thema „Was ist Versuchung?“

Anhand der großen biblischen Versuchungsgeschichten geht Propst Tenge dieser Frage nach und damit der Frage nach unserem Gottesbild. Nicht Gott führt in die Versuchung, vor der Adam und Eva stehen, und nicht in die Versuchungen, denen Jesus ausgesetzt war.

Im Dezember letzten Jahres hat Papst Franziskus die unter anderem auch in Deutschland verwendete Fassung der Vaterunser-Bitte "führe uns nicht in Versuchung" kritisiert. Dies sei "keine gute Übersetzung", sagte er in einem Interview eines italienischen Fernsehsenders. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um zu sehen, wie er falle. "Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan", so der Papst.

Franziskus verwies auf einen Beschluss der französischen Bischöfe, die offizielle Übersetzung zu ändern. In katholischen Gottesdiensten in Frankreich heißt es seit dem ersten Adventssonntag 2017 statt "Et ne nous soumets pas à la tentation" (und führe uns nicht in Versuchung) neu: "Et ne nous laisse pas entrer en tentation." Das französische Verb "soumettre" (unterwerfen) wird also durch "ne pas laisser entrer" (wörtlich: nicht eintreten lassen) ersetzt. Die freie Übersetzung lautet nun: "Lass uns nicht in Versuchung geraten."

Die Übersetzungsfrage der sechsten Bitte des Vaterunsers - es gibt keine einheitliche Übersetzung! – greift Propst Tenge auf und führt so die ZuhörerInnen in die umfangreiche Arbeit von Bibelexegeten ein. Dabei öffnet er aber auch den Blick zur evangelischen Kirche und ihrem Verständnis.

In der regen Diskussion nach dem Vortrag kommen sehr persönliche Beiträge und es kommen Fragen: Vielleicht ist die Diskussion, die der Hl. Vater angestoßen hat, eine Anregung, über das nachzudenken, was wir im Vaterunser beten? Wie positionieren wir uns als Katholischer Frauenbund in dieser Frage? Führt Gott uns durch die Versuchung? Gibt er uns Hilfe, die Versuchung zu bestehen? Manche Zuhörerin weist darauf hin, dass man im persönlichen Glauben die Freiheit hat, sich für eine Übersetzungsform selbst zu entscheiden.  

Ein Konsens wird deutlich.  Die Frage nach der Formulierung ist ein gemeinsames Thema der katholischen und evangelischen Frauen. Es ist auch eine Frage der Ökumene, denn beide Kirchen in Deutschland beten das Gebet des Herrn bisher in demselben Wortlaut und können es miteinander beten.

Über die Frage, ob die Formulierung der Bitte des Vaterunsers geändert werden soll – wie in Frankreich bereits geschehen –  gibt es kein einheitliches Meinungsbild, aber viele sehr persönliche Formulierungen, die beim gemeinsamen Beten des Vaterunsers am Ende der Veranstaltung zu hören sind.

Am Ende gibt es bei den angeregten Gesprächen zum Ausklang der Veranstaltung die Äußerung einer jugendlichen Teilnehmerin: „Das Vaterunser werde ich jetzt bewusster beten.“

Von: Barbara Kursawe