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14. August 2019
So sieht es aus: Sütterlin in Schönschrift: Akkurat, mit Spitz- und Rundbögen, mit Pünktchen und Beinchen. Runde Schnörkel münden in eine klare Linie, bauchige Zeichen stehen neben kantigen Zacken.

So sieht es aus: Sütterlin in Schönschrift: Akkurat, mit Spitz- und Rundbögen, mit Pünktchen und Beinchen. Runde Schnörkel münden in eine klare Linie, bauchige Zeichen stehen neben kantigen Zacken.

Ein kleiner Zettel hilft beim Übertragen: Manfred Mrugalla und Theresia Warmke. | Fotos: Wala

Ein kleiner Zettel hilft beim Übertragen: Manfred Mrugalla und Theresia Warmke. | Fotos: Wala

Die Tücken von dreimal „S“

Diese Kirchenbücher sind ein Schatz. Weihe des Gotteshauses, Kirchenbesuch, Kommunionen, Trauungen, Geschehnisse rund um die Pfarrgemeinde St. Nikolaus in Burgdorf: Alles detailliert aufgeschrieben. Allerdings in Sütterlinschrift. Theresia Warmke und Manfred Mrugalla übertragen Buchstabe für Buchstabe.

„Wir waren die i-Männchen“, erzählt Theresia Warmke. 1937 ist sie, damals im Ruhrgebiet, eingeschult worden, berichtet die heute 88-Jährige. Und warum i-Männchen? „Das i war der erste Buchstabe, den wir gelernt haben.“ Zusammen mit einem Spruch: „Rauf, runter, rauf, Pünktchen oben drauf.“ Ein „i“ in Sütterlinschrift. Oder wie es 1937 hieß: „Deutsche Volksschrift“.

Die Sache mit den Spitz- und Rund- bögen, mit den Pünktchen und Beinchen, die für die Sütterlinschrift typisch sind (siehe Kasten unten) hat sie nicht verlernt – und das kommt jetzt der Pfarrgemeinde St. Nikolaus in Burgdorf bei Hannover zugute. Auch Manfred Mrugalla kennt sich noch gut mit den runden Schnörkeln, die in eine klare Linie münden oder den bauchigen Zeichen, die neben kantigen Zacken stehen, bestens aus. Der heute 86-Jährige wurde 1940 in Oberschlesien eingeschult.

Aber auch später hat sie diese Schrift immer noch begleitet. „Meine Eltern schrieben ja noch in Sütterlin“, berichtet Theresia Warmke. Daher blieb sie im Training, als die deutschen Sütterlin-Buchstaben durch lateinische ersetzt wurden. Auch Manfred Mrugalla hat immer mal wieder in Sütterlin gelesen: „Ich habe sogar in Hannover die erste oberschlesische Fibel gefunden, mit der Sütterlin unterrichtet wurde.“ Auch da fing alles mit dem „i“ an. Runter, rauf ... 

Bücher decken eine Zeit von 1920 bis 1958 ab 

Jetzt beugen sich beide wieder über Kladden – Vermeldebücher von St. Nikolaus. Das älteste aus den 1920er-Jahren, das jüngste endet in den 1950er. Hier hat Sütterlin die Lateinisierung doch überlebt.

„Wir hatten die Bücher schon an das Bistumsarchiv abgegeben“, erläutert Wolfgang Obst von der Pfarrei St. Nikolaus. Doch dann gab es eine Anfrage, wann ein Elternpaar ein Aufgebot bestellt hatte – „und da kam uns die Idee, doch in den Vermeldebüchern nachzuschauen.“ Ein bisschen musste Obst nach den wertvollen Aufzeichnungen fahnden. Denn sie waren unter dem Namen der Filialkirche abgelegt. Obst las ein bisschen selbst in den Büchern. Da wurde im klar: „Da stecken so viele Begebenheiten und Geschichten drin, die müssen wir sichern.“ Nur waren sie in zwar akkuraten Handschriften, aber eben doch in diesem fremd anmutenden Buchstaben geschrieben: „Also haben wir in der Gemeinde Menschen gesucht, die diese Schrift noch lesen können.“

Der erste Eintrag datiert vom 21. März 1920: „8einhalb Uhr Hochamt mit Predigt, von 8 Uhr an Beichtgelegenheit, 21 Beichten, 21 Kommunionen, 120 Erwachsene, 35 Kinder, Kollekte 79,26 Mark“ liest Theresia Warmke vor. Die Schrift ist klar und gleichmäßig. „Das ist in Schönschrift geschrieben“, weiß die ehemalige Erzieherin: „Auch das haben wir in der Schule gelernt.“ Namentlich gezeichnet sind die Einträge nicht. „In den meisten aller Fälle dürfte es der amtierende Pfarrer gewesen sein“, schätzt Wolfgang Obst. Aber es finden sich auch innerhalb eines Jahres durchaus unterschiedliche Handschriften.

Zwischen „c“ und „e“ liegt nur ein Beinchen 

Beim Lesen wirft Theresia Warmke gelegentlich einen Blick auf einen kleinen Zettel: „Da habe ich mir die Buchstaben noch mal aufgeschrieben, so zur Vergewisserung.“ Manches sei schwierig: zum Beispiel das Unterscheiden zwischen „c“ und „e“. Das „c“ sieht eher aus wie ein „i“ ohne Punkt, das „e“ hat lediglich ein Bein mehr. „Da muss man manchmal schon sehr genau hinschauen.“

Zudem gibt es noch die Tücken von dreimal: „s“ – das lange und das runde „s“, sowie das „ß“. Das lange „s“ steht dabei immer am Ende eines Wortes. So kann es vorkommen, dass zwei Varianten des Buchstabens in einem Wort vorkommen: „Das war schon ein bisschen kompliziert“, sagt Theresia Warmke und lächelt.

Für Manfred Mrugalla liegen die Schwierigkeiten eher bei den Namen: „Die sind tatsächlich manchmal etwas schwer zu entziffern.“ Auch mit der Lupe, die er sich für seine Übersetzungsarbeit zugelegt hat. Ähnlich akkurat wie in der Vorlage hat er Wort für Wort in seine Schreibkladde per Hand übertragen. Schönschrift, egal ob mit deutschen oder lateinischen Buchstaben ist halt gelernt.

Sowohl für Theresia Warmke als auch für Manfred Mrugalla ist das Übersetzen auch eine stetige Erinnerung an die eigene Kindheit und Lebensgeschichte. Zwar stammen beide nicht aus Burgdorf, aber vieles haben sie selbst als Kinder erlebt. „Ja diese Vielzahl von heiligen Messen, die hier aufgelistet stehen, kenne ich auch noch aus dem Ruhrgebiet“, erzählt Theresia Warmke: die Frühmesse um 7 Uhr, die Kindermesse danach und dann erst das Hochamt – „hieß bei uns Langschläfermesse“.

Manfred Mrugalla hat sich vor allem der Aufzeichnungen aus den Jahren 1937 bis 1941 angenommen: „Das ist ja wirklich wie in Geschichte eintauchen.“ Der ehemalige Postbeamte hat viele Beispiele dafür gefunden, wie die katholische Kirche den Nazi-Regime die Kraft der Gemeinschaft aus dem Glauben entgegengesetzt hat: „Da wurden immer wieder Versammlungen mit Vorträgen angeboten, für Jungfrauen und für Jungmänner, wie es hieß.“ Christenlehre für Kinder, Nähen, Sticken, Singen, Andachten: „Das war schon ein intensives Leben in der Gemeinde.“ Regelmäßig wurde am Sonntag für polnische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eine heilige Messe gefeiert. Die Nazi-Behörden verfügten aber, dass kein Burgdorfer dabei sein dürfe: „Das war strengstens verboten.“

Dieses Beispiel zeigt, dass sich der Charakter der Aufzeichnungen mit der Zeit verändert hat. Aus einer eher statistisch geprägten Aufzählung von Gottesdienst und Kirchenbesuch wird das Schildern von Ereignissen. Kirchweihe 1935, religiöses Leben unter dem Nazi-Regime. So ist Mrugalla auch darauf gestoßen, dass so ab 1939 auch Andachten für schlesische Mädchen gefeiert wurden. Sie waren häufig Saisonarbeiterinnen in einer Konservenfabrik vor Ort. Manches Mädchen ist dagelieben und hat geheiratet. Darunter auch die Schwiegermutter von Manfred Mrugalla.

 

Von: Rüdiger Wala