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16. September 2020
Trommeln, Slogan und Papiergirlanden: So protestierten Jugendliche und Mitarbeitende aus niedersächsischen Jugendwerkstätten vor dem Landtag. | Foto: Wala

Trommeln, Slogan und Papiergirlanden: So protestierten Jugendliche und Mitarbeitende aus niedersächsischen Jugendwerkstätten vor dem Landtag. | Foto: Wala

Die Zeit läuft davon

Aktion vor dem Landtag: Jugendwerkstätten hoffen auf Finanzierungszusagen und langfristige Perspektiven. Ihre Arbeit ist ein Erfolgsmodell.

Trommelschläge klingen über den Platz vor dem Niedersächsischen Landtag: „Jugendwerkstatt – was sonst?“, skandieren 80 Jugendliche – mehr durften sich nicht versammeln. Startzeit der Aktion: 5 vor 12 Uhr. Mehr als ein Symbol, denn den gut 100 Jugendwerkstätten im Bundesland läuft die Zeit davon.

Dabei herrscht politisch große Einigkeit über die Bedeutung von Jugendwerkstätten: „In Jugendwerkstätten wird betriebsnahes Arbeiten mit Qualifizierung und sozialpädagogischer Begleitung sinnvoll kombiniert“, sagte Sozialministerin Carola Reimann (SPD) in einer Landtagsdebatte vor einem guten Jahr. Und weiter: „Diese Kombination ist einzigartig und deswegen auch ein solches Erfolgsmodell!“

Solche Worte höre er natürlich gerne, betont Axel Bruder, Geschäftsführer der katholischen LABORA, die vier Jugendwerkstätten unterhält: „Aber unser langfristiger Fortbestand steht in den Sternen.“ Die Finanzierung über Mittel des Landes Niedersachsen und Gelder aus dem Europäischen Sozialfonds ist nur bis zum 30. Juni 2022 gesichert. „Wir wissen, dass politische Prozesse Zeit brauchen“, betont Bruder. Deshalb müssen jetzt die weiteren Weichen gestellt werden: „Die von uns unterstützten jungen Menschen brauchen eine verlässliche Perspektive.“

Das gelte aber auch für die Träger von Jugendwerkstätten: „Seit über 30 Jahren hängen wir an der Projektfinanzierung aus unterschiedlichen Töpfen.“ Die Probleme und Herausforderungen seien aber von dauerhafter Natur: „Wir müssen dringend über die Verstetigung der Förderung aus dem Landeshaushalt sprechen“, unterstreicht Bruder.

„Aber das scheint die Landespolitik noch nicht zu wollen“, ergänzt Achim Stieve, Leiter der Caritas-Jugendsozialarbeit in Hannover, zu der zwei Jugendwerkstätten gehören. Wer projektgefördert sei, habe die Ziele der Förderer zu bedienen – und diese schließen sich durchaus gegenseitig aus. „Wir könnten als dauerhaft vom Land geförderte Einrichtungen mehr“, ist Stieve überzeugt. Zurzeit dürften die Jugendwerkstätten zum Beispiel selbst nicht ausbilden: „Obwohl wir gerade durch die sozialpädagogische Begleitung die Möglichkeit dazu hätten.“

Zudem könnten die Programme für sogenannte Schulverweigerer ausgebaut werden: „Viele Jugendwerkstätten könne da echte Erfolge vorweisen.“ Auch ein Hauptschulanschluss kann derzeit an einer Jugendwerkstatt nicht mehr gemacht werden. „Irgendeine Richtlinie schließt immer etwas aus“, erläutert Stieve: „Da müssen wir jetzt dringend ran.“

Für Heike Krause, Geschäftsführerin der Katholischen Jugendsozialarbeit Nord (KJS), sorgt die Corona-Pandemie für eine zusätzliche Verschärfung der Situation: „Wir haben die seit Jahren höchste Zahl von arbeitslosen Jugendlichen.“ Tendenz steigend: „Die Situation auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt wird sich dramatisch verschlechtern“, ist sich Heike Krause sicher. Benachteiligte Jugendliche werden besonders betroffen sein. Selbst ohne Einfluss der Pandemie war die Anzahl von jungen Menschen von 20 bis 34 Jahren, die ohne Berufsabschluss bleibt über Jahre konstant: „Bei den uns vorliegenden Zahlen aus dem Jahr 2018 waren das bundesweit 14,4 Prozent und damit hochgerechnet 2,12 Millionen junge Leute.“ Eine alarmierende Zahl, meint Heike Krause.

Sozialministerin Reimann, mehrere Kabinettskollegen und zahlreiche Abgeordnete wurden vom Trommeln, Slogan und bunten Papiergirlanden angelockt, informierten sich, nahmen die Forderungen mit. „Hoffentlich haben wir damit Bewegung in die Verhandlungen bekommen“, sagt Axel Bruder von LABORA. Denn auch seiner Einschätzung nach wird die Zahl der jungen Menschen, die Hilfe vor allem beim Übergang von Schule zum Beruf brauchen, eher steigen: „Und wir brauchen noch mehr passgenaue Angebote, weil die sozialen Probleme immer schwerer wiegen.“

Von: Rüdiger Wala