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14. September 2020
Das Bildnis der römischen Kaiserin Helena mit dem Kreuz in der ihr geweihten Kapelle der Grabeskirche in Jerusalem. Dort wurde der Überlieferung nach das Kreuz Jesu um 325 wiedergefunden. | Foto: Wala

Das Bildnis der römischen Kaiserin Helena mit dem Kreuz in der ihr geweihten Kapelle der Grabeskirche in Jerusalem. Dort wurde der Überlieferung nach das Kreuz Jesu um 325 wiedergefunden. | Foto: Wala

Blick in die St.-Helena-Kapelle, dem tiefsten Punkt der Grabenskirche in Jerusalem. | Foto: Wala

Blick in die St.-Helena-Kapelle, dem tiefsten Punkt der Grabenskirche in Jerusalem. | Foto: Wala

Ein Kreuz – viele Splitter

Am 14. September feiert die katholische Kirche das Fest Kreuzerhöhung. Was wissen wir über das Kreuz Jesu?

Was bedeutet eigentlich "Kreuzerhöhung"?

Erhöhung ist ganz praktisch zu verstehen: hochheben, damit etwas besser gesehen werden kann. Und um in diesem Fall zum Kreuz zu beten und es zu verehren. Denn es steht für den Tod und die Auferstehung Jesu Christi – und damit für Erlösung.

Worauf sind das Fest und die Verehrung zurückzuführen?

Es war Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, die um 325 der Überlieferung nach das Kreuz Jesu wiederentdeckt hat – unter einem Tempel, der der römischen Göttin Aphrodite geweiht war. Nach Berichten (zum Beispiel von Bischof Ambrosius von Mailand aus dem Jahr 390) nahm Helena einen Teil des Kreuzes mit nach Konstantinopel, der andere Teil verblieb in Jerusalem. Am tiefsten Punkt der Grabeskirche in Jerusalem zeugt die St.-Helena-Kapelle heute vom Ort, an dem das Kreuz nach christlicher Überlieferung gefunden wurde (siehe Foto).

Warum haben Helena und Konstantin nach dem Kreuz gesucht?

Um 312 befand sich der römische Kaiser Konstatin inmitten eines Machtkampfes. In einer Vision saht er in der Sonne das Zeichen, unter dem er siegen sollte: das Kreuz. So ließ er eine Fahne mit dem Christusmonogramm besticken – und gewann die nächste Schlacht. Als er später das Konzil von Nicea (325) einberief, hörte er von den verschütteten Stätten der Christen im Heiligen Land – und beschloss sie wieder zu errichten. Am 14. September 335 wurde die Grabeskirche geweiht. Dabei richtete der Jerusalemer Bischof Makarius I. ein Kreuz auf. Nachdem die Perser 614 dieses Kreuz geraubt hatten, wurde es von Kaiser Heraklius 628 zurückerobert. Im Jahr darauf wird der 14. September als Fest der Kreuzerhöhung festgelegt.  

Was geschah mit den Teilen des Kreuzes?

Die in Jerusalem zurückbleibenden Teile des Kreuzes werden öffentlich verehrt. Davon berichtete die Pilgerin Egeria im Jahre 383: „In Jerusalem wird ein vergoldetes Kästchen gezeigt, in dem sich ein Teil des Heiligen Kreuzes befindet; es wird geöffnet, das Kreuzholz herausgehoben und zusammen mit der Kreuzinschrift auf den Tisch gelegt.“ Um 638 jedoch erobern Truppen des Kalifen Umar ibn al-Chattab Jerusalem. Das Kreuz wird in 19 Teile zerschlagen und verstreut, vier Teile verbleiben in Jerusalem. 1099 finden Kreuzritter ein großes Teil nach der Eroberung Jerusalems wieder. Doch gelangt es 1187 bei der Schlacht bei Hattin in die Hände der Ayyubiden und ist seitdem verschollen.

Und mit den Teilen, die nach Konstantinopel und Rom gelangten?

Teile der nach Konstantinopel gebrachten Kreuzreliquien werden von den oströmischen Herrschern immer wieder verschenkt. 1204 eroberten die Kreuzritter die Stadt und plünderten sie. Die Kreuzreliquien fielen in ihre Hände. Im Jahr 1453 nahmen osmanische Truppen Konstantinopel ein. Damit war der Reliquienschatz der oströmischen Herrscher völlig verloren. Die Teile, die Helena mit nach Rom nahm, wurden in ihre Palastkapelle „Santa Croce in Gerusalemme“ („Heiliges Kreuz in Jerusalem“) gebracht. Heute ist das Gotteshaus eine der sieben Pilgerkirchen in Rom. Eine Kreuzreliquie wurde 1629 in den Neubau des Petersdoms überführt.

Wie kommen Kreuzreliquien in das Bistum Hildesheim?

Die Kreuzpartikel in der Bischofsstadt sind ein Geschenk von  Kaiser Otto III. an seinen Lehrer und Freund Bischof Bernward – wohl im Jahr 996. Anlass war die Krönung von Otto III. am  21. Mai.  Nach Forschungen von Dr. Bernhard Gallistl (ehemals Dombibliothek Hildesheim) stammen die Partikel mit Wahrscheinlichkeit von einer Kreuzreliquie in Pavia – und diese wiederum von der großen Kreuzreliquie Konstantins im römischen „Santa Croce in Gerusalemme“.

Was geschah mit diesen Partikeln des Kreuzes?

Zu Ehren des Kreuzes ließ Bischof Bernward eine Kapelle errichten – den Ursprung der heutigen (evangelischen) Micheliskirche in Hildesheim. Dabei ereignet sich nach Überlieferungen das sogenannte Engelwunder. Bernward wollte aus den drei Splittern des Kreuzes einen vierten herausschneiden, um sie kreuzförmig zu legen. Doch die Dünne der Teile ließ das nicht zu. Doch plötzlich, Bernward hatte gerade nicht hingesehen, „lag des vierte Teilchen des hochheiligen Holzes unter den Händen des Bischofs“. Für Bernward ein Werk der Engel.
 
Wie werden die Reliquien aufbewahrt?

Für die Kreuzreliquien wurde um 1150 das Große Bernwardkreuz als Ostensorium (Schaugefäß) angefertigt. Sie sind unter dem zentralen großen Bergkristall kreuzförmig angeordnet. Auch das silberne Bernwardskreuz, Anfang der 1000er-Jahre entstanden, hat einst die Kreuzpartikel geborgen.  Christusreliquien werden auch im Reliquiar der Dompatrone aufbewahrt, das der Bischofskirche vor 1409 vom Domkellner Lippold von Steinberg gestiftet wurde.

Und die Kreuzreliquie in Ottbergen?

Dieser Partikel ist ein Geschenk von Papst Gregor XVI. aus dem Jahr 1836 an die Wallfahrtskapelle auf dem Höhenzug über Ottbergen. Die Wallfahrt selbst geht auf die Vision eines Schäfers zurück – etwa um das Jahr 1680. Er sah das Kreuz über dem Berg. Schon bald zog der Ort viele Pilger an, vor allem, um für die Rettung vor der Pest zu beten. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde eine hölzerne Kapelle errichtet, in der am Kreuzerhöhungsfest Andachten gefeiert wurden.

Wie viele Kirchen sind im Bistum Hildesheim dem Hl. Kreuz geweiht?

Es sind neun: in Hildesheim, Veltheim, Peine-Dungelbeck, Dorstadt, Otterndorf, Gleichen-Rittmarshausen, Walkenried, Winsen (Aller) - und in Isenhagen-Altwarmbüchen. Die Kirche wurde im Januar 2017 geweiht und war der erste Kirchenneubau seit über 20 jahren im Bistum Hildesheim. Die Vorgängerkirche aus dem Jahr 1971 war baufäliig und musste zugungsten eines Neubaus profaniert und abgerissen werden. Bis 2010 bestand auch eine Kirche in Wunstorf-Luthe, die dem Hl. Kreuzm geweiht war. Sie wurde auf Anregung des Bistums und durch beschluss der kirchlichen Gremien profaniert. Die Glocken haben allerdings einen neuen Platz im Kircheturm der St-Bonifatius-Kirche in Wunstorf gefunden.

Gibt es wirklich so viele Kreuzreliquien, dass ganze Wälder damit aufgeforstet werden können?

Es gibt viele Splitter vom heiligen Kreuz, die meisten nur mikroskopisch groß. Zudem wurden sie nicht nur durch Teilen vermehrt, sondern auch durch Berührung – in dem Glauben, dass normales Holz durch die Berührung mit dem wahren Kreuz dessen Eigenschaften aufnehmen würde. Diese „Berührungsreliquien“ galten dann als ebenso heilig. Im 19. Jahrhundert fertigte der Architekt Charles Rohaust de Fleury eine Liste aller größeren Kreuzfragmente in Europa an und berechnete die Gesamtmenge auf etwa 4000 Kubikzentimeter – und damit ein gutes Drittel eines etwa drei Meter hohen Kreuzes mit einem Querbalken von gut 1,80 Meter. Neuere Berechnungen kommen auf etwa 4500 Kubikzentimeter.

Von: Rüdiger Wala