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27. Mai 2020
Blättern im Buch zum 10-jährigen Jubiläum von Tandem: Dr. Mechthild Bürgel und Narin Altunhan. Es ist auch die Geburtsstunde ihrer Freundschaft | Foto: Wala

Blättern im Buch zum 10-jährigen Jubiläum von Tandem: Dr. Mechthild Bürgel und Narin Altunhan. Es ist auch die Geburtsstunde ihrer Freundschaft | Foto: Wala

Erst Tandem, dann Freundinnen

Glaubensgeschichten III: Gegensätze ziehen sich man, sagt man. das stimmt wohl. Und sie überwinden dabei Barrieren, Wie bei Narin Altunhan und Dr. Mechthild Bürgel.

Es gibt vieles, was Dr. Mechthild Bürgel und Narin Altunhan trennt: Die Nationalität, die Religion, die Lebensgeschichte, auch ein bisschen das Alter. Was sie aber nicht trennt, ist ihre Freundschaft. Angefangen haben sie als „Tandem“.

Das ist der Name des Projektes in der Katholischen Familienbildungsstätte, bei dem sie sich vor zehn Jahren kennengelernt haben. „Ich habe gedacht, dass ist
die Gelegenheit türkische Frauen kennenzulernen“, erinnert sich Mechthild Bürgel: „Ich habe sie ja immer wieder auf der Straße gesehen und war neugierig.“ So traf sie Narin Altunhan. Nach den ersten Treffen bei Tandem stellt sich heraus: Da ist Sympathie. Gegenseitig. Jede Menge.

Bei „Tandem“, aber auch bei Besuchen zu Haus und Spaziergängen erzählen sie sich
ihre Lebensgeschichten. Mechthild Bürgel, heute 78 Jahre alt, katholisch, stammt aus Berlin. Zum Gartenbaustudium verschlägt es sie nach Hannover: „Mein erster Gedanke war – das ist ja tiefste Provinz hier.“

Und der zweite Gedanke? „Nach dem Studium schnell wieder weg.“ Doch das Leben wollte es anders: „Ich habe meinen Mann kennengelernt und dann hier an der Hoch- schule gearbeitet.“ Und eine Familie aufgebaut: Drei Kinder, fünf Enkel. Ein bürgerliches, behütetes Leben.

Anders Narin Altunhan. Heute 69 Jahre alt, Muslima, wuchs in Istanbul auf. Nach der
Scheidung ihrer Eltern überwiegend bei einer Tante, Schneiderin von Beruf. Früh hilft sie in der Werkstatt mit und erlebt das, was viele türkische Mädchen damals erleben: „Ich konnte nur bis zur sechsten Klasse zur Schule gehen.“ Das auch noch mit Unterbrechungen und in Auseinandersetzungen mit Tante und Onkel.

Narin Altunhan heiratet und kommt 1969 nach Hannover. Mit ihrer Schwiegermutter, weil ihr Schwiegervater dort schon lebt. „13 Jahre habe ich bei Telefunken gearbeitet“, erzählt sie. Am Fließband, als Reparateurin, zum Schluss in der Fehlerkontrolle. Als das Unternehmen in Schwierigkeiten gerät, kündigt die Frau ihre Stelle: „Das habe ich später bereut.“ Sie bleibt erst zu Hause, arbeitet dann viele Jahre in der Gastronomie.

Schneidern? „Das mache ich nur noch als Hobby“, erzählt Narin Altunhan. „Aber sie kennt sich auch großartig mit Nähmaschinen aus“, ergänzt Mechthild Bürgel: „Sie hat nämlich meine bei mir zu Hause repariert.“

An ihre ersten Worte in der jeweiligen anderen Sprache können sich beide Frauen gut erinnern. Bei Narin Altunhan war es „kaputt“. Das stand auf einem Zettel an der Tür zur Dusche – nachdem sie nach drei Tagen und Nächten Fahrt in Hannover angekommen war. Für Mechthild Bürgel war es eher klassisch: „Döner“. Was nicht nur das Gericht, sondern auch die Zubereitung beschreibt – auf deutsch: „drehend“.

Folge I unserer Glaubensgeschichten: "Da steckt Seele drin"

Folge II unserer Glaubensgeschichten: "An der Seite der Frauen"

Von: Rüdiger Wala