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29. März 2018
Nähen ist ihr Leben: Ingeborg Koch (Mitte) mit ihren Mitstreiterinnen Regina Haseler (links) und Anni Meyer. | Foto: Rüdiger Wala

Nähen ist ihr Leben: Ingeborg Koch (Mitte) mit ihren Mitstreiterinnen Regina Haseler (links) und Anni Meyer. | Foto: Rüdiger Wala

Generationen das Nähen beigebracht

Nähen – für Ingeborg Koch ist das mehr als ein Handwerk. Es ist eine Leidenschaft. An dieser Begeisterung lässt sie seit nunmehr 50 Jahren auch Interessierte in der katholischen Familienbildungsstätte Hannover teilhaben. Sie war schon Honorarkraft, als die Einrichtung noch Mütterschule hieß.

„Nähen macht mir immer noch unheimlich Spaß“, sagt Ingeborg Koch, „und das Zusammensein mit den Kursteilnehmerinnen genauso“. Auch und gerade weil sie ihre Enkelinnen sein könnten. Sie selbst, Jahrgang 1938, stammt aus Siebenbeuthen. Ein kleines Dorf, von Hannover aus betrachtet, knapp hinter Neiße und Oder gelegen. Heute heißt es Bytomiec.

Das Ziel: möglichst wenig Verschnitt

„Wir waren eine große Familie“, erinnert sie sich: neun Geschwis¬ter. Eine Schwester starb jedoch in jungen Jahren im Jahr 1944. Ingeborg Koch teilt das Schicksal vieler Katholiken im Bistum Hildesheim: 1945 wird die Familie vertrieben: „Ein Dreivierteljahr waren wir auf der Flucht.“ Die Familie siedelt sich im Raum Bockenem an, nachdem der Vater, ein Lehrer,  aus englischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist. Täglich pendeln nach Hildesheim zur Schule, später auch Arbeit auf dem Feld. Trotzdem sagt Ingeborg Koch: „Das war eine schöne Kindheit.“

Nach dem Abitur zieht es sie zur pädagogischen Hochschule nach Hildesheim. Sie will Gewerbelehrerin werden. Dazu braucht es eine handwerkliche Ausbildung – in ihrem Fall die Schneiderei: „Ich puzzle gerne“, sagt sie und lächelt. Schnittmusterbögen entwerfen, Lösungen finden, wie aus einem Stück Stoff mit möglichst wenig Verschnitt ein Kleidungsstück wird, das hat sie schon immer angesprochen.

Parallel zum Studium arbeitet Ingeborg Koch zum Beispiel auf Verkaufsmessen in Hannover: „Das hat mir viel Freude gemacht.“ Auf Menschen zugehen, Dinge erklären, zuhören, wieder Lösungen finden. All das ist wohl der zweite Grund neben dem Handwerk, warum ihr die Schneiderkurse heute noch so „unheimlich viel Spaß machen“.

1962 heiratet sie, zwei Kinder werden geboren. Über Mutter-Kind-Kurse wächst sie in die Katholische Mütterschule hinein, gibt vor einem halben Jahrhundert erste Kurse. Zunächst in verschiedenen Bereichen, dann von 1972 an, ausschließlich Nähkurse.

Von der Notwendigkeit zum Hobby

Langweilig ist ihr das nie geworden – und das nicht nur wegen der Leidenschaft für Nähmaschine und Stoffe. Sie schätzt das Miteinander mit den Kursteilnehmerinnen. Früher waren es überwiegend Frauen, für die es ein Muss war, Kleidung selbst zu nähen oder ausbessern zu können. „Das hat sich doch sehr verändert“, meint Ingeborg Koch. Heute ist Schneidern eher ein Hobby, keine Notwendigkeit mehr. „Viele Kursteilnehmerinnen machen das als Ausgleich zu ihrer Berufstätigkeit“, beschreibt sie diese Veränderung. Andere wiederum wollen ihre Vorstellung von Mode oder Accessoires umsetzen. Handgemacht.

Das trifft sich mit der Puzzle-Begeisterung von Ingeborg Koch. Jede Teilnehmerin macht im Kurs etwas anderes. So springt sie von einer Maschine zu anderen, zeigt hier einen Kniff, gibt dort einen Hinweis zu Faden, Stoff und Technik: „Ich schwinge nicht so gerne Reden, ich zeige es lieber“, meint Ingeborg Koch. Immer drei Kurse im Trimester der Fabi, zwei Vormittags, einer am Abend, immer mit zehn bis 15 Teilnehmerinnen.

So entstehen auch für die erfahrene Schneiderin selbst durchaus aufwendige Kleidungsstücke. Auch ein Brautkleid war darunter: „Das hat eine Mutter für ihre Tochter genäht, allein in die Ärmel wurden 30 Stunden gesteckt“, erinnert sie sich. Aus ihrer Stimme klingt Respekt für diese Handwerkskunst.

Kostüme, Mäntel, Tauf- und Kommunionkleider, Gardinen, Babysachen, Taschen: „Alles in der Schneiderwerkstatt entstanden, eine fängt an, die anderen folgen“, berichtet Ingeborg Koch. Da mischt sich dann wieder die Leidenschaft für die Sache in ihre Stimme. Aber neben Kleidungsstücken entsteht noch etwas Weiteres in jedem Kurs. Eine Karte, meist gebastelt. Mit Dankensworten und den Unterschriften der Teilnehmer. „Das ist immer so schön, da mache ich auch noch gerne weiter“, sagt Ingeborg Koch. Mit Rührung in der Stimme.

Von: Rüdiger Wala