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08. März 2019
Für Jesuitenpater Christian Herwartz ist die Straße der Ort, an dem das Heilige entdeckt werden kann | Foto: Wala

Für Jesuitenpater Christian Herwartz ist die Straße der Ort, an dem das Heilige entdeckt werden kann | Foto: Wala

Gottes Spuren im Alltag entdecken

Am 5. und 6. April ist im [ka:punkt], dem Beratungs- und Begegnungszentrum der katholischen Kirche in der Grupenstraße 8 in Hannover, der ehemalige Arbeiterpriester, Jesuitenpater und Buchautor Christian Herwartz zu Gast.

In einer Lesung mit Diskussion am Freitag, 5. April, um 19:00 spricht er über seine Erfahrungen und Begegnungen bei den von ihm entwickelten „Straßenexerzitien“. Die Idee dahinter ist, sich für diese spirituellen Übungen nicht ein paar Tage lang in ein ruhiges Kloster mit Vollpension in einer idyllischen Landschaft zurückzuziehen. Sondern genau das Gegenteil zu versuchen: Eine Meditation, vielleicht sogar das Erlebnis einer Gottesnähe im Lärm, im Dreck und manchmal auch im Elend der Großstadt zu suchen – etwa vor dem Abschiebegefängnis in Grünau, wo Herwartz mit anderen seit vielen Jahren gegen die deutsche Flüchtlingspolitik demonstriert und betet.

Am Samstag, 6. April, besteht für Interessierte die Möglichkeit, an einem eintägigen Straßenexperiment teilzunehmen. Beginn ist um 9:30 Uhr im [ka:punkt] mit einem Startimpuls. Nach einem gemeinsamen Imbiss werden die Erfahrungen des Tages gemeinsam reflektiert. Den Abschluss bildet ein Gottesdienst. Das Ende ist um 17 Uhr geplant.

Der Eintritt zu beiden Veranstaltungen ist frei. Für den Samstag ist eine Anmeldung erforderlich bei gregor.branahl(at)ka-punkt.de oder im telefonisch unter 0511-2707390.

 

Über Christian Herwartz – ein Porträt:

Hingehen – und berühren lassen

Er teilte seine Wohnung, stand an der Drehbank, betet vor Abschiebegefängnissen und sucht das Heilige auf der Straße: der Jesuitenpater Christian Herwartz. Eine Begegnung.

Was für eine Biografie: Jahrgang 1943, seit 1978 in Berlin-Kreuzberg lebend. Jesuit, Arbeiterpriester, LKW-Fahrer, Pressen-Führer, Dreher und Lagerarbeiter: Zum einen für den Lebensunterhalt und zum anderen, weil für Christian Herwartz der Platz des Priesters dort ist, wo die Menschen sind. Das ist die Arbeit.

Das ist aber auch die Wohnung, sogar die eigene. Bis 2016, also fast vier Jahrzehnte, lebte Herwartz in der „Jesuiten-WG“ nahe dem Kotbusser Tor. Eine offene Wohngemeinschaft, in der jeder Zuflucht fand, der sie benötigt: Obdachlose, illegal in Deutschland lebende Ausländer, politisch Verfolgte oder Menschen, die es zu Hause aus familiären Gründen nicht mehr aushielten. Es werden in all den Jahren über 400 gewesen sein, an Tisch und Bett in der WG. Aus aller Herren Länder. Manche Tage, manche Monate, einige sogar Jahre. Der Jesuit teilt seine Bude – ein Siebenbett-Zimmer.

Herwartz trägt sein Credo auf der Brust. „Gastfreund“ steht auf einem T-Shirt geschrieben. Während der Zeit in der WG hat Herwartz nie jemanden gefragt, wo er herkommt: „Das ist eine Polizistenfrage“, sagt er. Was am Küchentisch besprochen wird, bleibt am Küchentisch. Oder allenfalls im Herzen: „Aber es geht nichts nach außen.“ Das ist Beichtgeheimnis – und ein offenes Ohr: „Diese Offenheit für Menschen, für andere Kulturen – die wollte ich mir immer bewahren.“ Bei allen menschlichen Schwierigkeiten, vor der auch eine Jesuiten-WG nicht gefeit ist.

„Auch mal einen auf den Deckel kriegen“

Herwartz, Typ Seemann, kräftig, mit großflächigen Tätowierungen, belässt es aber nicht beim Zuhören. Er mischt sich ein, demonstriert und betet bei Mahnwachen vor Abschiebegefängnissen, zieht für einen fairen Umgang mit Flüchtlingen auch vor Gericht. Für ihn ist der Glaube dazu da, „für die Rechte von uns Menschen zu kämpfen – und durchaus mal einen auf den Deckel zu kriegen“. Auch und gerade gegen das System, den Kapitalismus, der Menschen zu Waren degradiert: „Glaube ist keine Harmoniesoße.“

Herwartz setzt ein anderes Prinzip dagegen. Er will „das Heilige entdecken, das in jedem Menschen steckt.“ Das findet sich – vor allem auf der Straße. Im Hingehen. Wie Moses: „Der sieht in der Wüste einen Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt.“ Ein Zeichen der Liebe: „Es gibt nur eines, das brennt und nicht verbrennt, und das ist die Liebe“, sagt Herwartz mit einer für seine Statur ungewöhnlich sanften Stimme. Moses geht zum Dornbusch – und betritt heiligen Boden: „Hinzugehen, das ist der große Sprung in der Religionsgeschichte.“ Das sei die Berührung mit der Wirklichkeit: „Dafür offen zu sein, darum geht es bei den Straßenexerzitien.“

Moses zieht die Schuhe aus, als er den heiligen Boden be- und Gott gegenübertritt: „Die Schuhe ausziehen ist für uns doch der Ballast, den wir ablegen müssen, dass ich wirklich hören und sehen kann.“ Oder anders: sich ungeschützt einzulassen auf den Ort oder die Begegnung, die fremd ist, aber heilig sein könnte.

Dieses Bild des Dornbusches, der  Liebe, die jeder auf andere Art zwischen Lärm, Müll und Überschwang der Großstadt entdecken kann, der heilige Boden, ist für Herwartz Dreh- und Angelpunkt der Straßenexerzitien. So hat er sich den Dornbusch auf seinen linken Arm tätowieren lassen.

Nochmal: Glaube ist keine Harmoniesoße. Er geht unter die Haut. Das heißt: sich berühren lassen.  Von der Wirklichkeit Gottes. Den „heiligen Ort“ auf der Straße aufspüren und Gott entdecken. Unerwartet. Nicht in der Ruhe und Beschaulichkeit eines Kloster bei Vollpension.