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15. Dezember 2018
Frikadellen, Kartoffeln, Gemüse und zum Nachtisch Obst und etwas Kuchen – das gab es heite bei der Ökumensichen Essensausgabe in Hannover | Foto: Wala

Frikadellen, Kartoffeln, Gemüse und zum Nachtisch Obst und etwas Kuchen – das gab es heite bei der Ökumensichen Essensausgabe in Hannover | Foto: Wala

Auszeichnung für die Ehrenamtlichen bei der Ökumenischen Essensausgabe: Sie werden mit einer ganz besonderen Suppenkelle gewürdigt | Foto: Hamme

Auszeichnung für die Ehrenamtlichen bei der Ökumenischen Essensausgabe: Sie werden mit einer ganz besonderen Suppenkelle gewürdigt | Foto: Hamme

Immer mehr kommen zum Essen

„Eigentlich wünsche ich mir, dass es uns gar nicht geben müsste“, sagt Renate Mauritz nachdenklich. Und doch gibt es die Ökumenische Essensausgabe für Wohnungslose und Bedürftige. Seit nunmehr 30 Jahren – und der Bedarf steigt. Auch in der neuen Saison.

Hannover im Winter 1987/88: Renate Mauritz kann sich noch gut erinnern: „Es war damals wirklich kalt, sehr kalt.“ Das bringt sie als engagiertes Mitglied im Kirchenvorstand der evangelischen Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis auf eine Idee – obdachlosen, armen oder einfach einsamen Menschen zumindest eine warme Mahlzeit zu ermöglichen. Nur mühsam und, beim Blick auf die damalige Abstimmung, äußerst knapp kann sie ihren Kirchenvorstand überzeugen. Aber der Anfang ist gemacht: „So um die 15 bis 20 Essen haben wir ausgegeben, damals sehr improvisiert im Turmzimmer unserer Kirche.“ Insgesamt 1036 Essen waren es wohl, die sie und weitere Ehrenamtliche aus der Gemeinde in der ersten Saison ausgegeben haben. Zwei Monate lang, bis es wieder wärmer wurde.


Inzwischen kommen im Durchschnitt 170 Menschen zum Essen, an manchen Tagen bis zu 300 Menschen täglich – vor allem zum Ende des Monats hin. „Der Bedarf ist gewachsen“, sagt Pastor Rainer Müller-Brandes, Leiter des Diakonischen Werks Hannover. Vermutlich nicht nur wegen der gestiegenen Bekanntheit der Essensausgabe: „Die Spanne zwischen Reich und Arm ist größer geworden, das sehen wir jeden Tag.“ Müller Brandes rechnet damit, Dasein der kommenden Saison um die 16000 Essen ausgegeben werden.


Gewachsen ist auch der Kreis der Unterstützer. Das Diakonische Werk ist mit dabei und sorgt dafür, dass Sozialarbeiterinnen als Koordinatorinnen und Ansprechpartnerinnen während der Ausgabezeiten von Montag bis Samstag zur Verfügung stehen – immer von 11 bis 13 Uhr, bis zum 16. März. Mit dabei sind auch die evangelisch-reformierte Gemeinde, die katholische Gemeinde St. Clemens und die Heilsarmee. Im Keller von St. Clemens hatte die ökumenische Essenausgabe von 1991 an einen Ort gefunden – bis es dort schlicht zu eng wurde. Nach einem Zwischenspiel bei Caritasverband Hannover (auch dort wurde es schnell zu eng), werden nun  die warmen „Wintermahlzeiten“ in den Räumen der Heilsarmee ausgeteilt. „Das passt zu uns“, sagt Heilsarmee-Kapitän Steffen Aselmann mit einer Prise Humor: „Unser Leitgedanke ist ja Seife, Suppe, Seelenheil.“ Doch schnell wird er wieder ernst: „Es ist gut, dass wir ökumenisch hier ein Zeichen setzen können – nicht nur mit einer warmen Mahlzeit gegen Hunger, sondern auch durch Begegnungen gegen Einsamkeit.“


Das unterstreicht auch Pfarrer Wolfgang Semmet, Seelsorger der Pfarrei St. Heinrich, zu den St. Clemens gehört: „Hinter Zahlen – wie viel Menschen in Hannover obdachlos sind oder zur Essensausgabe kommen – stecken immer Menschen mit einer konkreten Lebensgeschichte.“ Das dürfe nicht vergessen werden.


Viele dieser Geschichten kennt die Sozialarbeiterin Isabelle Rank: „Es gibt diejenigen, die seit vielen Jahren täglich kommen – und die, die sich zum ersten Mal vorsichtig ganz an den Rand setzen.“ Deutlich zugenommen habe in der letzten Saison die Zahl von jüngeren Frauen und Menschen, die es au Osteuropa nach Hannover gezogen oder verschlagen hat. Auffällig sei aber auch, dass vermehrt Menschen im Rentenalter erstmals zur Essenausgabe kommen. Für die Sozialarbeiterin auch ein Anzeichen, dass die Armut im Alter zunimmt.


Viele Gesichter bei der Essensausgabe kennt auch Cord Kelle. Der Gastronom ist Inhaber des Jägerhofs in Langenhagen, doch seit sieben Jahren engagiert er sich mit dem Verein „Kochen für Obdachlose“ auch bei der Ökumenischen  Essenausgabe. Zweimal in der Woche liefert der 60-Jährige das Essen. „Immer etwas mit Messer und Gabel“, sagt er: „Die Arbeit hier macht wahnsinnig viel Freude, jedes Lächeln ist mir Lohn und Bestätigung genug.“ Einmal die Woche liefert die Kantine der NORD/LB Nahrhaftes, an vier Tagen kommt es auch der Zentralküche des Friederikenstiftes. Einmal die Woche liefert die Kantine der NORD/LB Nahrhaftes, an vier Tagen kommt es auch der Zentralküche des Friederikenstiftes.


Kathrin legt gerade Messer und Gabel weg. Frikadellen, Kartoffeln und genüge gab es heute. „Ja, hat geschmeckt, war lecker“, sagt die 52-Jährige. Nicht täglich, aber regelmäßig kommt sie zur Ökumenischen Essenausgabe – und das seit einigen Jahren. Sie stammt aus Mecklenburg, hat als junge Frau bei der Nationalen Volksarmee der DDR gedient. Doch 1990 wurde die NVA demobilisiert, ein großer Teil des Unteroffizierkorps sowie nahezu das gesamte Offizierkorps wurden entlassen. Auch Kathrin fand sich auf der Straße wieder, schulte auf Steuerfachgehilfin um. Eine Ehe geht in die Brüche, 2001 kommt sie nach Hannover.


Zurzeit schlägt sich Kathrin mit Putzstellen durch, erzählt sie: „Manchmal bis zu drei gleichzeitig, auch nachts arbeite ich.“ Trotzdem ist das Geld knapp, Zeitvorgaben für die Arbeit schlauchen. Da ist die Ökumenische Essensausgabe gleich in zweierlei Hinsicht eine Hilfe: Sie hilft beim Haushalten mit knappen Finanzen und die gibt Kathrin die Chance Kraft zu schöpfen und durchzuatmen: „Meine Tochter, die jetzt auch hier lebt, war auch schon mal da.“ Die Gründe dafür? Die gleichen wie bei der Mutter.


Fünf bis sechs Ehrenamtliche teilen sich eine Schicht: Sie verteilen nicht nur die Mahlzeiten und Getränke. Die Engagierten sorgen für den Einkauf, Transport, den Abwasch – und für mehr als ein freundliches Wort. „Es kommt aber auch viel von unseren Gästen zurück“, berichtet Erika Freimann: „Das motiviert zum Weitermachen.“ Insgesamt sind es um die 25 Engagierte: etwas mehr Frauen als Männer. „Wir dürfen aber auch gerne mehr werden“, meint Erika Freimann augenzwinkernd.


30 Jahre Mittagstisch: Für die Mitglieder der Diakonie St. Clemens, einem wohltätigen Zusammenschluss von Engagierter der Gemeinde und darüber hinaus, ist das Jubiläum Anlass zu einem Geschenk. „In Geld, aber kompliziert“, erläutert Stefanie Ganser. Der Regelsatz für das Arbeitslosengeld II, besser bekannt als „Hartz IV“, beträgt für einen Erwachsenen 416 Euro im Monat. 34,86 Prozent sind für Lebensmittel und nichtalkoholische Getränkte vorgesehen. Macht im Monat 145,04 Euro oder pro Woche 36,26 Euro. Dieser Wochensatz mal 30 genommen – die Jahre des Jubiläums – macht 1087,80 Euro. „Und das haben wir noch mal verdoppelt“, sagt Stefanie Ganser und überreicht bei einem kleinen Festakt die Spende von 2175,60 Euro. Zuvor hatten auch die Ehrenamtlichen der Essensausgabe ein Geschenk als Aufmerksamkeit und Würdigung erhalten – eine Suppenkelle. Wieder mit Augenzwinkern.

Die Ökumenische Essenausgabe in der Räume der Heilsarmee (Am Marstall 25) bis zum 16. März montags bis sonnabends von 11 bis 13 Uhr geöffnet. Informationen dazu gibt es unter (0511) 99040-26 oder per E-Mail unter essensausgabe(at)zbs-hannover.de.

Von: Rüdiger Wala