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03. März 2020
Die Tischgemeinschaft – Patienten, Angehörige, Mitarbeitende – ist ein Herzstück im Hospiz Luise. | Foto: Kurt Bliefernicht / Hospiz Luise

Die Tischgemeinschaft – Patienten, Angehörige, Mitarbeitende – ist ein Herzstück im Hospiz Luise. | Foto: Kurt Bliefernicht / Hospiz Luise

Kurt Bliefernicht, Leiter des Hospizes Luise | Foto: Wala

Kurt Bliefernicht, Leiter des Hospizes Luise | Foto: Wala

"In guten Zeiten Gedanken um das Sterben machen"

Das 2015 eingeführte Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe verstößt gegen das Grundgesetz, hat nun das Bundesverfassungsgericht geurteilt. Es gebe ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben, sagt dessen Präsident, Andreas Voßkuhle, bei der Urteilsverkündung in Karlsruhe. Was sagen Engagierte in der Hozpizbewegung dazu? Fragen an Kurt Bliefernicht, Leiter des Hospizes Luise in Hannover.

Wie bewerten Sie das Urteil? 

Das Bundesverfassungsgericht hat sehr einseitig den Schwerpunkt auf das Selbstbestimmungsrecht gelegt. Das ist natürlich zu respektieren. Ich sehe dabei aber ein grundsätzliches Problem: Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, in der es immer noch wenig Raum zum Nachdenken und Reden über Sterben und Tod gibt. Wird nun das Selbstbestimmungsrecht derart gestärkt, wird der Druck auf alte, auf sterbende Menschen, ihnen Angehörigen oder der Gesellschaft nicht zur Last zu fallen, größer. Selbst wenn wir das nicht wollen.

Ist mit dem Urteil jetzt tatsächlich Sterbehilfe liberalisiert? Droht die Begleitung der Selbsttötung jetzt zum Geschäft zu werden? 

Das ist meine große Befürchtung – vor allem, weil sich die wenigsten Menschen zu guten Zeiten Gedanken um ihr eigenes Sterben machen. Auch wenn der Tod zum Leben mit dazugehört. Ambulante oder stationäre Pflege im Hospiz und palliativmedizinische Hilfe müssen vor einer Entscheidung zum Suizid nicht nur aufgezeigt, sondern auch ausprobiert worden sein. Das ist das absolute Minimum, wenn wir verhindern wollen, dass Sterbehilfe zu einem lukrativen Geschäft mit den Notlagen von Menschen wird. 

Es entsteht ja fast der Eindruck, in Deutschland habe man nur noch die Wahl zwischen Qualtod und Suizid. Was entgegnen Sie? 

Der Eindruck, den Sie schildern, ist auch meiner Beobachtung nach tatsächlich gegeben. Aber er ist definitiv falsch. Es gibt vielfältige Möglichkeiten der Hilfe, wenn das Leben sich dem Ende neigt. Ein stationäres Haus wie das Hospiz Luise ist nur eines davon. Ein Medikament zur Suizidhilfe ist es nicht. Das müssen wir immer wieder deutlich machen, solange der Tod uns als etwas Dunkles, als etwas ausschließlich Bedrohliches erscheint.

Welche Erfahrungen haben Sie im Hospiz Luise mit Menschen gemacht, die Suizidgedanken haben? 

Wir betreuen beispielsweise Menschen mit einem Lungentumor, die Angst haben qualvoll zu ersticken. Wir kümmern uns um Patienten, die schwer depressiv sind. Dabei machen wir Tag für Tag die Erfahrung, wie wichtig die menschliche Begleitung am Lebensende ist. Sterbende haben wie wir schlechte und gute Tage. Die schlechten Tage erträglich, die guten freudig zu machen – so lindern Begleitung und Medikamente das Leid, dass natürlich mit dem Tod einhergeht. Auch hilft es Möglichkeiten aufzuzeigen, wie beispielsweise die palliative Sedierung. Patienten mit sehr weit fortgeschrittener Erkrankung können dabei ein Schlafmittel erhalten – unter genauer Kontrolle. Wir wecken sie dreimal und fragen nach, ob sie weiter schlafen wollen, bis zu ihrem Lebensende. Diese Sedierung ist kein aktives Eingreifen, aber eine Option, Leid zu mildern. Meine Erfahrung ist aber, dass die meisten Patienten diese Möglichkeit nicht wollen. Sie sehen sie eher als Versicherung für den Notfall an.

Was braucht es noch damit Menschen bis zum letzten Atemzug würdig gepflegt und begleitet werden können?

Zweierlei. Zum einen: Wir müssen die Versorgung der Menschen am Lebensende bunter fassen. Es muss nicht das stationäre Hospiz sein. Gerade ambulante Hilfen zeigen die Chance auf, dort zu sterben, wo man gelebt hat. Dazu braucht es zum anderen vor allem Menschen, die bereit sind, diesen Dienst zu tun. Ehren-, aber auch hauptamtlich: Neben aller Aufklärung über Hospiz- oder Palliativarbeit hängt es an Menschen, hängt es an mehr Pflegepersonal. Doch wir haben einen Pflegenotstand. Trotzdem kann es nicht sein, dass durch diesen Notstand das Tor zum Suizid geöffnet wird.

Kontakt: Hospiz Luise, Brakestr. 2d,30559 Hannover, Telefon 05 11/ 52 48 76 76, E-Mail: info(at)hospiz-luise.de, Internet: www.hospiz-luise.de

Eine Reportage über das Hospiz Luise lesen Sie hier: Tränen, Lachen – und Kartoffelpuffer

Von: Rüdiger Wala