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06. März 2020
Telefonieren, Post, Veranstaltungen mit vorbereiten: das ist der Arbeitsalltag von Denise Waldhelm. | Foto: Wala

Telefonieren, Post, Veranstaltungen mit vorbereiten: das ist der Arbeitsalltag von Denise Waldhelm. | Foto: Wala

"Jetzt will ich auch los"

Chronisch krank: Doch Denise Waldhelm will ihre Ausbildung packen. Möglich wird das durch die Unterstützung des Vereins zur Förderung jugendlicher Arbeitsloser im Bistum Hildesheim.

„Irgendwann habe ich gedacht: Jetzt hab‘ ich die Schnauze voll von zu Hause, jetzt will ich auch los.“ Klare Worte, vorsichtige Ges­te. Nur ganz leise klopft Denise Waldhelm dabei mit der Faust auf den Tisch. Trotzdem unterstreicht es ihre Entschlossenheit.

Seit gut einem halben Jahr ist die 24-­Jährige Auszubildende bei der Katholischen Jugendsozialar­beit Nord (KJS). In Teilzeit, denn Denise Waldhelm ist Mutter einer fünfjährigen Tochter. Im letzten Jahr hat sie endlich einen Kinder­ gartenplatz gefunden: „Vier Jahre habe ich gewartet, angemeldet ha­be ich mein Kind schon während der Schwangerschaft“, erzählt sie. Nach dem langen Warten will sie selbst durchstarten.

Vorbereitungskurs auf die Teil­zeitausbildung, Bewerbung bei der KJS, Zusage. Doch an ihrem Schreibtisch sitzt sie nie allein: „Ich nenne ihn meinen Mitbewoh­ner.“ Sein Vorname ist Morbus, sein Nachname Wegener, zusammen ergibt das eine chronisch­-rheuma­tische Erkrankung der Blutgefäße. „Das stiftet in meinem Körper viel Unruhe“, sagt Denise Waldhelm – ruhig und gefasst: „Mein Mitbe­wohner ärgert mich seit Oktober 2016.“ Da war Denise Waldheim gerade 21 geworden, ihre Tochter zwei Jahre alt.

Entzündungen in den kleins­ten Haargefäßen machen ihr zu schaffen. Bei dieser Autoimmun­krankheit kann der Körper nicht mehr zwischen eigenen Zellen, Bakterien oder Viren unterschei­den. Körpereigene Strukturen werden angegriffen, jedes Organ kann betroffen sein. Mehr noch: Die Krankheit fördert die Bildung von Tumoren.

„Bei mir war es das rechte Au­ge“, erzählt Denise Waldhelm. Ein Tumor wurde ihr operativ ent­fernt. Trotzdem konnte sie eines Morgens nichts mehr sehen. Ein zweiter Tumor war trotz Chemo­therapie in der Augenhöhle ge­wachsen. Über Monate wurden unterschiedliche Medikamente versucht, bis schließlich dann doch Tumor und das Auge ent­fernt wurden. Jetzt trägt sie ein Glasauge.

Alle halbe Jahre zur Chemotherapie

Die Einschränkungen beim räumlichen Sehen hat sie mittlerweile im Griff. Aber es bleibt alle hal­be Jahre Chemotherapie – und die Gefahr, dass der Mitbewohner Lungen oder Nieren angreift.

Aber Denise Waldhelm will jetzt ran an ihre Ausbildung: „Das ist mein Weg.“ Sie bringt einen Hauptschulabschluss mit. Ihre Eltern haben sich früh getrennt. „Da war ich drei“, erzählt Denise Waldheim. Sie hat noch einen jüngeren Bruder, ihre Mutter arbeitet heute im Büro im Zoo Hannover: „Und ja, meine Kindheit war wirk­lich schön.“

Jetzt druckt sie neben der Aus­bildung an zwei Tagen in der Wo­che wieder die Bank in der Be­rufsschule. Schon ein komisches Gefühl, wenn die eigene Tochter im kommenden Jahr auch einge­schult wird. Viele in ihrer Klasse kommen frisch von der Realschule : „Da bin ich schon ein bisschen die Mutti“, sagt sie.

Mutter, chronisch krank, Ausbil­dung nur in Teilzeit – all das hat es für Denise Waldhelm nicht leicht gemacht einen Ausbildungsplatz zu finden. Finanziell möglich wird ihre Ausbildung durch einen Zu­schuss des Vereins zur Förderung jugendlicher Arbeitsloser in der Diözese Hildesheim. 1983 wurde der Verein von einigen hauptamt­lichen Mitarbeitern des Bistums gegründet. Die Jugendarbeitslo­sigkeit war hoch – und als Besit­zer eines sicheren Arbeitsplatzes wollten die Gründer teilen, in­ dem sie ein Prozent ihres Gehaltes spenden.

„Am Anfang hat unser Verein ausschließlich Zuschüsse für Ma­schinen, Werkzeuge und Werk­ stattmieten gegeben“, sagt der heutige Vereinsvorsitzende Mar­tin Rinke. Dann kamen Hilfen bei Finanzierung von Projekten hinzu, schließlich das Fördern von Ausbildungen: „Gerade für Frauen und Männer, die sonst keine Chance hätten.“

Kleiner Verein, große Wirkung:

Aktuell zählt der Verein zur Förderung jugendlicher Arbeitsloser in der Diözese Hildesheim 44 Mitglieder. Aus Beiträgen und Spenden konnten im letzten Jahr neben der Förderung der Ausbildungsstelle bei der KJS noch Computer, Maschinen und Einrichtungsgegenstände mitfinanziert werden, unter anderem in Jugendwerk­stätten von LABORA und der Caritas Jugendsozialar­beit Hannover.

Kontakt: Postfach 101421, 31114 Hildesheim, E-Mail: info@derförderverein.de, Internet: www.derförderverein.de

Von: Rüdiger Wala