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30. August 2018

"Mal richtig die Meinung geigen"

Nein, die Frage war alles andere als rhetorisch gemeint: „Braucht die Gesellschaft die (katholische) Kirche?“ Mit ihr war der Jahresempfang der Katholischen Kirche in der Region Hannover überschrieben. Antwort auf diese Frage erhofften sich weit über 100 Gäste von der Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, Doris Schröder Köpf, und dem Oberbürgermeister von Hannover, Stefan Schostok.

Wie ernst diese Frage gemeint war, umreißen zu Beginn Regionaldechant Propst Martin Tenge und Felizitas Teske als stellvertretende Vorsitzende des Dekanatspastoralrates, der Vertretung der Pfarreien, Verbände und Gemeinschaften in der katholischen Region. Tenge hofft darauf, „dass es heute keine katholische Selbstbeschau gibt, sondern durchaus kritische Rückmeldungen“. Oder noch deutlicher ausgedrückt: „Sie dürfen uns mal richtig die Meinung geigen.“

Von so einem klaren Meinungskonzert  mit möglichst vielen dieser Geigen erhofft sich Felizitas Teske deutliche Impulse. Im Frühjahr 2019 wird sich ein neuer Dekanatspastoralrat bilden: „Wir wünschen uns eine Ansage, wo wir uns als katholische Kirche in die Gesellschaft einbringen können, vielleicht sogar müssen.“

Diese Ansage kommt auch – wenn auch ganz am Schluss der von HAZ-Lokalchef Heiko Randermann moderierten Diskussion. Doris Schröder-Köpf bringt sie ein: „Die Vereinsamung ist in unserer Gesellschaft weit fortgeschritten.“ Eine große Chance der Kirchen würde darin bestehen, dem Alleinsein von Menschen entgegenzuwirken: „Türen aufmachen, sinnliche Gottesdienste feiern, fröhlich sein.“ Die Kirchen würden sich dabei auf ihre Wurzeln besinnen: „Zusammenkommen, gemeinsam essen, über alles reden – das hat doch die Kirche als Institution begründet.“

Die Gründe für Vereinsamung lassen sich nachvollziehen, betont Doris Schröder-Köpf: „Familien zerbrechen, die Menschen werden älter.“ Hier können Kirchen gewissermaßen „Auffangstationen“ sein – eine wichtige Aufgabe für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Vor der Anregung, die wohl dick in das Aufgabenbuch des nächsten Dekanatspastoralrates geschrieben wurde, und der gegeigten Meinung, kommt aber Lob. Vor allem, was die Rolle und Funktion der Kirchen für den Gesellschaftlichen Zusammenhalt betrifft: „ Wir haben hier in Hannover eine Ausnahmestellung, vor allem was den gelingenden interreligiösen Dialog betrifft“, betont Stefan Schostok. Und das gerade in einer Zeit, in der der soziale Friede durch politische Konflikte, Ausgrenzungen und Provokationen durchaus bedroht ist: „Da müssen wir gegensteuern und positiv über ehrenamtliches Engagement reden, das zum sozialen Frieden beiträgt. Ohne die Kirchen, ohne Diakonie  und Caritas, ohne die Werte, die in dem Wirken zum Ausdruck kommen, hätten wir manche Krisen nicht so gut bewältigt.“

Ein Beispiel dafür st für Doris Schröder-Köpf der Einsatz für Flüchtlinge: „Wir brauchen die Kirchen, die dafür werben, Flüchtlinge anständig zu behandeln.“ Ohne die Kirchen hätte es nicht das Bündnis „Niedersachsen packt an“ gegeben – mit all den Menschen in den Pfarrgemeinen, die Mitmenschlichkeit leben.“

Stichwort ‚anständig behandeln’: Von ihrer katholischen Kirche wünscht sich Doris Schröder-Kopf einen anständigen Umgang mit Menschen, die eine andere sexuelle Orientierung haben: „Das gibt es immer wieder unglückliche Äußerungen, das ist nicht in Ordnung.“ Auch homosexuelle Menschen sollen sich ganz normal am Leben einer Gemeinde beteiligen können.

Dafür gab es Beifall – genauso wie für die Forderung Schostoks, dass die Kirche konsequent ihre Verstrickung in den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen aufarbeiten muss: „Das verlangt den Kirchen vieles ab, das ist eine harte Auseinandersetzung, die die Kirchen nicht allein für sich machen dürfen.“ Skandale verdrängen, Geschehnisse nicht beachten – „das geht heute nicht mehr.“ Denn gerade von der Aufarbeitung der Schattenseiten der eigenen Geschichte hängt Glaubwürdigkeit ab.

Unabhängig von der Glaubwürdigkeit der Institution schöpfen sowohl Doris Schröder-Köpf (katholisch) als auch Stefan Schostok (evangelisch) selbst viel aus ihrem Glauben: Schröder-Köpf findet in ihm Halt in schwierigen Lebenssituationen, Schostok ein verlässliches Wertefundament.

In einem kurzen Grußwort nach der gut einstündigen Diskussion greift die evangelisch-lutherische Landessuperintendentin Petra Bahr das Gesagte auf. Zum einen warb sie dafür der katholischen Kirche ein noch weibliches Gesicht zu geben – auch indem Frauen zu Diakoninnen geweiht werden können.. Sie wirbt für das Durchhalten: „Auch bei uns hat das lange gedauert. Geduld und Kampfgeist, liebe Schwestern“, sagt Petra Bahr an die Adresse der Frauen, die sich seit Jahren beharrlich für dieses Ziel einsetzen.

Zum anderen führt sie die Frage nach der Bedeutung von Kirche zu einen Anspruch an alle Christinnen und Christen, an alle Gottgläubige in Stadt und Region: „Es ist unsere Aufgabe die Gottesfrage zu stellen und zwar laut und vehement.“ Die Frage nach Gott dürfe aber nicht pikiert herkommen – sondern werbend, nachdenklich, selbstkritisch: „Wir müssen dabei zeigen, dass wir wahrlich nicht alle Antworten haben.“ Was ist Grund und Abgrund des Lebens? Was ist Trost im leben und Sterben? Was bedeutet uns das Kreuz? „Wir müssen die Geschichten neu erzählen, wie Gott uns nahe kommt“, betont Petra Bahr.

Der Jahresempfang der Katholischen Kirche in der Region Hannover ist in die Feiern des 300-jährigen Jubiläums der Basilika St. Clemens als Mutter- und Hauptkirche eingebunden. Doris Schröder-Köpf und Stefan Schostok haben gemeinsam die Schirmherrschaft dafür übernommen.

Von: Rüdiger Wala