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01. Juni 2018

Mit Christus durch alle Fragen gehen ...

Zukunft würdigt Geschichte: Der Leitgedanke, mit dem in diesem Jahr der 300. Weihetag der Basilika St. Clemens gefeiert wird, prägt auch die zentrale Fronleichnamsprozession in Hannover. Rund 2000 Katholikinnen und Katholiken haben sich im Schatten der Marktkirche versammelt, um unter freiem Himmel und bei kräftigen Temperaturen Gottesdienst zu feiern, musikalisch unterstützt von der Band Maxiko, um dann in einer Prozession zum Geburtstagskind, der Basilika zu ziehen.

Zum einem zeigt sich: Die Gemeinschaft der Katholikinnen und Katholiken sowohl in der Stadt als der Region Hannover ist international, ist Ausdruck von Weltkirche: Lieder, Lesungen und Fürbitten unter anderem in Polnisch, Spanisch, Kroatisch, Italienisch und Englisch zeigen auf, aus wie vielen Kulturen und Nationen sich die katholische Kirche hier speist. Auf einer Weltkarte wären nicht viele weiße Flecken übriggeblieben, würden diese Kulturen und Nationen mit kleinen Fähnchen gekennzeichnet werden. Es ist bunt, es ist fröhlich und vielfältig – vor allem als die Gottesdienstgemeinde das Vaterunser betet – jeder und jede in der eigenen Landessprache. Verschieden, aber einig. Die mittlerweile zehnte gemeinsame Fronleichnamsfeier im Zentrum ist noch einen Tick internationaler als im Vorjahr. So würdigt Zukunft Geschichte: waren es doch französische Gesandte und italienische Künstler, die am Hofe des hannoverschen Fürsten 1665 die erste Heilige Messe nach der Reformation in der Kapelle des Hofes gefeiert haben und in deren Folge – nach zugegeben langen politischen und diplomatischen Anstrengungen – 53 Jahre später die Kirche St. Clemens gebaut und geweiht werden konnte.

Zum anderen: zum vierten Male wurde neben der Marktkirche, der evangelisch-lutherischen Hauptkirche Hannovers gefeiert. Keine Selbstverständlichkeit. Vor allem, da Fronleichnam ein zutiefst katholisches Hochfest ist – und in der Geschichte nicht selten als deutliche Abgrenzung gegenüber „den Evangelischen“ benutzt wurde. Umgekehrt war es der Reformator Martin Luther selbst, der in der mildesten Variante seiner zeitgeschichtlich üblich deftigen Worte, Fronleichnam als „eitel Abgötterei“ schmähte.

Wie kann aber hier die Zukunft Geschichte würdigen? Indem „wir die Unterschiede und auch den Schmerz der Geschichte aushalten“, gibt Propst Martin Tenge in seiner Predigt die Antwort.  Der Regionaldechant erinnert an die theologischen Grundlagen und den kirchenpolitischen Umgang mit dem Fronleichnamsfest. 1215 habe das vierte Laterankonzil, das bedeutendste Konzil des Mittelalters, den Glaubensgrundsatz benannt, dass Jesus in Brot und Wein nach der Wandlung gegenwärtig ist. Theologisch ausgedrückt: die Realpräsenz. Tenge: „Aus diesem Geheimnis leben wir.“ Das eint heute noch evangelisch-lutherische und katholische Kirche.

Im Verlauf des 13. Jahrhundert kam die Erfahrung dazu, Jesus in der Eucharistie auch außerhalb der Heiligen Messe erleben zu können – die Prozessionen, mit denen beispielsweise auch der Gründonnerstag, der Ursprung des Abendmahls, gefeiert wurde: „Sakrament der Liebe Gottes: Leib des Herrn, sei hoch verehrt, Mahl, das uns mit Gott vereinigt, Brot, das unsre Seele nährt …“ –  so hat es der heilige Thomas von Aquin, Dominikaner und Kirchenlehrer, 1263/64 geschrieben. Übrigens als Lied, das im Verlauf der Prozession auch gesungen wurde.

„Dann kam die Reformation“, fährt Tenge fort. Sie übt an vielen Stellen berechtigte Kritik an der Praxis der noch einen Kirche. Auch die Theologie des Abendmahles wird hinterfragt. Es zeigen sich Unterschiede. Die Vorstellung, dass Jesus im Brot über die Messfeier hinaus präsent ist, gehen die Theologen der Reformation nicht mit. Heute noch sichtbares Zeichen: In katholischen Kirchen gibt es einen Tabernakel, der die geweihten Hostien, die Leib Christi sind und bleiben, beherbergt. In der evangelischen Kirche gibt es diese Herberge  (lateinisch „tabernaculum“ = Zelt oder Hütte) nicht.

Aber wie können evangelische und katholische Christen angesichts dieses Spannungsfeldes in einer für die Glaubenspraxis elementaren Frage in die Zukunft gehen? Tenge erweist auf Erfahrungen in Hannover: Zwei Kompetenzteams, eines evangelisch, eines katholisch, tauschen sich zurzeit über ihr Verständnis des Abendmahls aus – und darüber,, wie denn wohl die jeweils andere Seite darüber denkt. „Wir machen da starke Entdeckungen“, betont Tenge. Zumal hier wieder Zukunft Geschichte würdigt: Was heißt Präsenz Christi heute, 800 Jahre nach dem bestimmenden Satz des Konzils?

Eine Zuversicht trägt den Regionaldechanten: „Ich glaube, Jesus Christus lässt es zu, dass wir Christen sind in unterschiedlichen Konfessionen und nicht alles gleich machen müssen.“ Das  Aushalten von Unterschieden ist wichtig für ein profiliertes Leben: „Mit Christus gehen wir durch alle Fragen und durch alle Freuden des Lebens.“

Fragen, Freude oder auch Schmerz – das ist noch heute im Verhältnis der Konfessionen präsent: „Ich sehe, ihr feiert gerne Fronleichnam“, rief der evangelisch-lutherische Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann in einem Grußwort zu. Doch gibt es auch die andere Seite: „Manches schmerzt, was der offizielle Katholizismus zum Teil verlauten lässt in diesen Wochen.“ Heinemann spielt damit auf die Vorbehalte auch der katholischen Kirche an, den Reformationstag zum arbeitsfreien Feiertag zu machen. Das erzeugt Verwerfungen: „Man hat manchmal den Eindruck, Evangelische sind gefährlich für die Republik.“

In der Tat: Am gleichen Tag hat im Landtag eine öffentliche Anhörung zum Feiertagsgesetz, mit den die Landesregierung den Reformationstag als neuen Feiertag festschreiben will, stattgefunden. Vertreter der katholischen Kirche, darunter Prälat Felix Bernhard vom Katholischen Büro und Claus-Dieter Paschek vom Landeskatholikenausschuss, haben sich diesem Plan gegenüber skeptisch gezeigt. Nicht, weil sie vorrangig den Reformationstag ablehnen. Sondern weil ihnen der Buß- und Bettag geeigneter erscheint – wenn vom neuen Feiertag ein Signal des religiösen Brückenschlags ausgehen soll.

 

Hinweise zur Feiertagsdebatte in Niedersachsen finden Sie hier:Der Streit um den Feiertag

Von: Rüdiger Wala