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07. Mai 2018

Nicht über andere erheben ...

„Antisemitismus? Hannover sagt NEIN!“ Unter diesem Leitgedanken haben mehr als 600 Teilnehmer beim Kippa-Walk ihre Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern der Stadt bekundet

Vor zwei Wochen sind in Berlin zwei Männer, die eine Kippa trugen, beleidigt und attackiert worden. Für die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) kein Einzelfall: In den vergangenen Jahren haben sich in Deutschland Übergriffe gegen Juden gehäuft, sagt Kay Schweigmann-Greve, Sprecher der DIG in Hannover:  „Antisemitismus hat heute viele Gesichter, aber der Kampf gegen Antisemitismus auch – nämlich unsere.“

Die DIG hatte zu dem Kippa-Walk aufgerufen – Stadt und Region Hannover, die Kirche, Gewerkschaften und auch der Niedersächsische Flüchtlingsrat haben den Aufruf umgehend unterstützt.

Mehr als 600 Teilnehmer zählt der Kippa-Walk, die meisten von ihnen haben sich das kleine jüdische Scheitelkäppchen aufgesetzt. „Es ist heute ein Zeichen unserer Verbundenheit, ein Zeichen, dass Antisemitismus keinen Platz in unserer Stadt haben darf“, sagt Felizitas Teske, die stellvertretende Vorsitzende des Dekanatspastoralrates Hannover, die am Walk teilnimmt.

Erste Station: das Mahnmal für die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden am Opernplatz. Dort beklagt Gábor Lengyel, Rabbiner der Liberalen jüdischen Gemeinde, die alltäglichen Bedrohungen, denen Juden in Deutschland und anderswo immer wieder ausgesetzt seien: „Das darf eine demokratische Gesellschaft nicht dulden.“

Vorurteile gegen Juden ziehen sich quer durch politische Bekenntnisse. „Antisemitismus gibt es rechts und links, von Tierschützern ebenso wie von Frauenverbänden“, betont Lengyel. Dennoch ist der Rabbiner überzeugt: „Die Mehrheit der Deutschen lehnt Antisemitismus ab.“ Allerdings dürfte sich diese Haltung nicht nur auf Stellungnahmen beziehen: „Das Problem bleibt, wenn den schönen Worten keine Taten folgen.“ Taten wie der Kippa-Walk.

Taten stellt Oberbürgermeister Stefan Schostock in Aussicht: „Wir setzen uns vorbeugend gegen latenten wie offensiv gegen sichtbaren Antisemitismus ein.“ So überlege der Rat, eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle einzurichten. „Der Kampf gegen Antisemitismus und alle Formen menschenverachtender Ideologien ist eine Aufgabe für uns alle.“

Auf die Wirkungsweise von Antisemitismus weist Kai Weber, der Geschäftsführer des Flüchtlingsrates hin: „Antisemitismus ist eine spezifische Ausprägung des Rassismus –Rassismus ist eine Form der Spaltung der Gesellschaft.“ Bestimmten Mitgliedern dieser Gesellschaft mindere Rechte und minderer Wert zugemessen werden. Auf dieser Grundlage werden Diskriminierungen und Demütigungen „quasi ideologisch, quasi wissenschaftlich“ gerechtfertigt.

„Wir könnten eine große Liste aufmachen von Worten, die mit Anti beginnen und mit -ismus enden“, betont Propst Martin Tenge, der als Vertreter der Kirchen und des Rates der Religionen spricht. Die Kippa werde an einem solchen Tag zum Zeichen der Ehrfurcht vor anderen Menschen: „Kein Mensch darf sich über den anderen erheben und behaupten, er sei wichtiger oder mehr Wert als der andere oder der andere habe weniger Rechte als man selber. Respekt und Ehrfurcht sind aber nicht selbstverständlich: Wir werden mit unserer Unterschiedlichkeit in Sachen Nationalität, Herkunft, Kultur, Religion und Weltanschauung immer miteinander ringen müssen.“ Doch gerade diese Vielfalt ist es, die persönlich, aber auch Gesellschaft und Kultur bereichert.

Was für die Kippa gilt - Zeichen des Respekts zu sein - gilt nach den Worten von Tenge auch für das Kopftuch oder die Takke, die Kopfbedeckung muslimischer Männer beim Gebet. Denn nicht nur Menschen jüdischen oder christlichen Glaubens sind beim Gang durch die Innenstadt Hannovers dabei, um Gesicht gegen Antisemitismus zu zeigen. Auch Muslime schließen sich an - zum Beispiel aus der Ahmadiyya-Moschee. Sie kommen direkt vom Freitagsgebet. Für Prost Tenge ein sichtbarer Ausdruck der Vielfalt und der Bereicherung.

Hier ein Klick zum Grußwort von Propst Martin Tenge

 

Von: Rüdiger Wala