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29. November 2018
Mutig gegen das Vergessen, engagiert für Versöhnung: Henry Korman ist im Alter von 98 Jahren verstorben | Foto: C. Kirsch / Region Hannover

Mutig gegen das Vergessen, engagiert für Versöhnung: Henry Korman ist im Alter von 98 Jahren verstorben | Foto: C. Kirsch / Region Hannover

Streitbar und versöhnlich

Streitbar und versöhnlich zugleich: Für Henry Korman war das kein Widerspruch. Streitbar war der Überlebende der Shoa – gegen Antisemitismus, gegen Menschenverachtung. Doch genauso versöhnlich – für ein Erinnern und Gedenken, das Deutsche wirklich vom Faschismus befreit und Vergangenheit nicht nur verdrängt. Einer, der den Glauben an die Zukunft nie verloren hat. Jetzt ist Henry Korman im Alter von 98 Jahren verstorben.

 

Für Professor Andor Izsák, dem Ehrenpräsident der Siegmund-Seligmann-Stiftung, war Henry Korman schlicht „ein Freund, den ich vermissen werde“. Ministerpräsident Stephan Weil würdigt den Verstorbenen als einen Menschen, „der lebensbejahend nach vorne geschaut hat, einer, für den wir tief dankbar sein müssen.“ Auch die Stadt und die Region Hannover trauern um einen Zeitzeugen, der „der Vergangenheitsbewältigung und Gedenkarbeit zu seiner Aufgabe gemacht hat" und sich stets mit „einer großen Bereitschaft zur Versöhnung“ eingesetzt hat – wie Regionspräsident Haake Jagau und Oberbürgermeister Stefan Schostok erklärten.

„Henry Korman hat als Überlebender der Shoa an das erinnert, was nicht vergessen werden darf“, betont Propst Martin Tenge. Sein Herzensanliegen war es, seine Lebensgeschichte an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben, vor allem an junge Menschen. Vor Tausenden von Schülerinnen und Schülern hat er diese Geschichte immer wieder erzählt – um so vor allem für eines zu werben: für Toleranz und das entschiedene Eintreten gegen die Kräfte, die diese Toleranz in Frage stellen, sie verwerfen und niederringen wollen.

Was Henry Korman überlebt hat, gehört zu den grauenvollsten Geschehnissen, die Menschen anderen Menschen antun können: 1920 im polnischen Radom geboren, wurde er 1941 durch die deutschen Besatzer im Ghetto seiner Heimatstadt eingeschlossen. Er meldete sich zur Arbeit in der Rüstungsindustrie – aus purem Überlebenswillen. Bereits im Folgejahr wurde das Ghetto durch die „Aktion Reinhardt“, mit der deutsche NS-Staat die systematische Ermordung und Vernichtung aller Juden im <span lang="FR">Generalgouvernement f</span>ür die besetzten polnischen Gebiete vorbereitet hat, aufgelöst. Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden zum Abtransport in Konzentrationslager zum Bahnhof getrieben: Henry Korman verlor seine Eltern und drei seiner Schwestern aus den Augen – für immer. Er wird nach Auschwitz deportiert, stand nackt vor dem Arzt und Kriegsverbrecher Josef Mengele, der im Vernichtungslager menschenverachtende Experimente an Häftlingen durchführte.

Henry Korman überlebte die Selektion in Auschwitz. Er überlebte den Hunger, die Schläge, die Verachtung, die Zwangsarbeit im Konzentrationslager Hannover-Mühlenberg und auch den Todesmarsch nach Bergen-Belsen, den die ausgemergelten Häftlinge in den letzten Tagen des Nazi-Regimes antreten mussten – um auf diesem Weg zu sterben und einfach aus der Erinnerung zu verschwinden. Als englische Truppen das KZ Bergen-Belsen am 15. April 1945 befreiten, hatte sich Korman vor den letzten KZ-Schergen versteckt: eingehüllt in einer Decke unter Bergen von Toten.

Diese Geschichte hat Korman immer wieder erzählt – die Geschichte der Erinnerung, der Mahnung. Aber er hat noch eine zweite dazu erzählt: die Geschichte der Versöhnung. Über Studienjahre in Schweden kam er 1949 in die USA, wo andere Mitglieder seiner Familie wieder lebten. 1958 schließlich betrat er wieder das Land der Täter: Erst immer wieder zu Besuchen, dann dauerhaft. Seit den 1970er Jahren lebte er jeweils die Hälfte des Jahres in Hannover und hatte besondere Beziehung zu Laatzen. Gerade dort sprach er vor häufig vor Schülerinnen und Schülern: Von Erinnerung und Gedenken, von Versöhnung, aber auch vom entschiedenen Eintreten gegen Antisemitismus und Menschenverachtung in heutigen Tagen.

Vor einigen Jahren saß Henry Korman bei einem berührenden Versöhnungskonzert mit jüdischer Musik mit Professor Andor Iszák in der Basilika St. Clemens. Danach sagte er spontan zum neben ihm sitzenden Propst Martin Tenge: „Dass ich das noch erleben darf!“. Aufgrund seiner Erlebnisse mit den Vorurteilen und den Taten katholischer Christen in Polen war es für Henry Korman oft nicht leicht. Daher war dies eine berührende Erfahrung von Versöhnung für ihn selbst. Seitdem betont Propst Tenge es immer wieder: die Kuppel von St. Clemens, die es erst seit 1957 gibt, steht der jüdischen Gemeinde gerne zur Verfügung, die ihre Kuppel nur wenige Meter nebenan durch die Zerstörung der Synagoge 1938 verloren hat: „Es ist der gemeinsame Himmel, der uns verbindet“.

Die streitbare und versöhnende Stimme von Henry Korman fehlt nun. Sie ist eingetaucht in die Ewigkeit des Himmels und wirkt von dort aus weiter.

 

Von: Rüdiger Wala