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28. April 2016
Viele Bilder haben Ursula Mandrella (l.) und Adviye Gündogdu in der türkischen Wassermalerei, genannt Ebru- Technik, hergestellt. © pkh

Viele Bilder haben Ursula Mandrella (l.) und Adviye Gündogdu in der türkischen Wassermalerei, genannt Ebru- Technik, hergestellt. © pkh

Typisch Deutsch, typisch Türkisch?

Was können türkische und deutsche Seniorinnen voneinander lernen? Eine ganze Menge, finden rund 20 Frauen, die sich regelmäßig in der Katholischen Familienbildungsstätte (Fabi) in Hannover treffen und zeigen, wie gelebte Integration geht.

„Ich habe zum Beispiel türkisches Kunsthandwerk wie die Wassermalerei kennengelernt“, sagt Ursula Mandrella. „Und ich habe erfahren, dass die anderen ganz anders sind, als man gedacht hätte.“ Die 72- Jährige lacht, wenn sie sich an ihre ersten Treffen mit den türkischen Seniorinnen von dem interkulturellen Verein Can Arcadas im November 2009 zurückdenkt. Sie hatte nur eine vage Vorstellung davon, wie Türkinnen so seien könnten. „Ich war gleich zu Anfang überrascht, weil viele Frauen geschieden waren. Ich hatte das Vorurteil, dass es in der Türkei nicht üblich ist, sich scheiden zu lassen“, erzählt sie. „Und mit der Zeit habe ich erfahren, dass viele von ihnen einen sehr schweren Lebensweg hatten in einem Alter, in dem ich noch sehr behütet gewesen bin. Das hat zu Diskussionen geführt.“ Adviye Gündogdu, 69 Jahre alt, neben ihr nickt. Sie kam Anfang der 70er Jahre nach Deutschland zum Arbeiten, ihr Mann war Arzt. Sie bekam vier Kinder. Ihr Mann war sehr dominant, erzählt sie. Sie lebte vollkommen isoliert. Ohne vernünftige Schul- und Ausbildung fand sie kaum Zugang zur deutschen Gesellschaft. „Ich konnte niemandem von meinen Problemen erzählen, weil ich kaum Deutsch sprach. Über die Krabbelgruppen meiner Kinder habe ich dann zum ersten Mal deutsche Frauen kennengelernt.“ Sie hält die Verbindung und baut Freundschaften auf.

Für Adviye Gündogdu ein Befreiungsschlag. Sie traute sich, ihren Mann zu verlassen. „Deutsche Frauen sind oft sehr frei und liebevoll im Umgang miteinander. Ich bin damals auf den Boden abgestürzt, aber eine deutsche Freundin von mir kam jeden Tag und hat heimlich eine von mir gepackte Umzugskiste aus dem Haus geschmuggelt. Ich wurde unheimlich unterstützt.“ Ihre Erinnerungen an die alte Heimat, an ihre beschwerlichen Anfangsjahre in Deutschland und die türkische Kultur bringt sie mit in die deutsch- türkische Seniorinnengruppe ein. Ursula Mandrella haben die Lebensgeschichten ihrer türkischen Gesprächspartnerinnen tief berührt. Auch sie ist Mutter, Katholikin aus St. Nikolaus in Burgdorf, viele Jahre verheiratet und seit einiger Zeit verwitwet. Auch sie war in erster Linie mit ihren Kindern und dem Haushalt beschäftigt. „Türkische Frauen sind spontaner. Wir erzählen uns einfach von unseren Leben und nach und nach entsteht so ein neues Bild vom Gegenüber“, erklärt sie. „Und man wird sich auch selbst bewusster. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass ich Ordnung und Struktur in meinem Leben brauche – typisch Deutsch.“ Gemeinsam mit den anderen Frauen hat sie Geschichten aus ihrem Leben aufgeschrieben. Die Geburt ihrer Kinder, eigene Kindheitserinnerungen und auch Erlebnisse in Deutschland in den 60er und 70er Jahren standen dabei im Mittelpunkt. In einer kleinen Broschüre sind die Texte zusammen mit den Bildern, die die Frauen in der türkischen Wassermalkunst hergestellt haben, jetzt erschienen.

„Integration ist immer so ein großes Wort. Im Endeffekt treffen hier zwar verschiedene Kulturen aufeinander, aber über das Gespräch miteinander kriegen wir ein neues Verständnis vom anderen“, sagt sie. Sich zu öffnen erforderte am Anfang etwas Überwindung. „Es war zunächst seltsam, dass sich jemand für den eigenen Lebensweg so interessiert hat. Wenn man erzählt hat und die Gruppe hört zu, dann kamen von anderen ihre Erinnerungen dazu“, sagt Adviye Gündogdu. „Stück für Stück kamen Sachen heraus. Ich habe mich lange nicht getraut, auch traurige Geschichten zu erzählen. Aber jetzt ist es schön, sich zu öffnen und zu erzählen.“ Sie kennt viele ältere Türkinnen, die schon seit 30 Jahren in Deutschland leben, sich aber der deutschen Kultur und Sprache verschließen. „Ich frage dann immer, warum sie hier leben. Ich habe zwei Heimaten: Eine hier in Deutschland und eine in der Türkei.“

Unterstützt wurde der Prozess, den die 20 türkischen und deutschen Seniorinnen durchlebt haben, von Beata Brod und Sevim Keske, die das Tandem- Projekt für die Fabi und türkischen Verein leiten. Aber auch die Wassermal- Lehrerin Gülay Özkazan und die Historikerin Kirsten Plötz, die bei dem Erstellen der Texte half, lieferten Impulse. „Wir haben schon eine Idee, was wir als nächstes in unserer Gruppe angehen wollen“, verrät Ursula Mandrella. „Wir wollen über die verschiedenen Traditionen rund um das Thema Hochzeit sprechen und Henna- Malerei ausprobieren. Ein wichtiges Thema für uns als Seniorinnen durch unsere Kinder und Enkelkinder.“

 

Von: Marie Kleine