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21. August 2019
Der heilige Charbel Makhlouf hat im Leben von Rana Alnasir-Boulos eine große Bedeutung bekommen. | Foto: Wala

Der heilige Charbel Makhlouf hat im Leben von Rana Alnasir-Boulos eine große Bedeutung bekommen. | Foto: Wala

Von der Sehnsucht nach Zedern

Der Libanon – in der Bibel steht das Gebirge, das der heutigen Republik den Namen gab, für Schönheit und Pracht. Er ist auch die Heimat von Rana Alnasir-Boulos. Die Katholikin aus Langenhagen möchte eine Pilgerreise organisieren. Dazu ruft auch Papst Franziskus auf.

Sie sind biblisch – die Zedern des Libanon. Nur die größten und stärksten Baumstämme des Vorderen Orients durften beim Bau des Tempels und des Palastes von König Salomo verwendet werden, wie im 1. Buch der Könige überliefert ist (5, 15–28). Diese Zedern aus den Bergen des Libanon – diese Gebirgskette gibt dem heutigen Staat seinen Namen – werden auch in den Psalmen immer wieder als Bild benutzt: sie stehen für Kraft und Stärke. Im Hohelied wird die Schönheit der Geliebten mit der Pracht des Libanon und seinen Zedern verglichen.

Über 60 Mal wird der Libanon im Ersten Testament erwähnt. „Ich habe mich immer geärgert, wie wenig das unter uns Christen bekannt ist“, sagt Rana Alnasir-Boulos. Die heute 34-jährige Katholikin stammt selbst aus dem Libanon. 1996 flüchtete sie mit ihren Eltern und zwei Schwestern nach Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt war der Libanon von einem fast zwei Jahrzehnte währendem Bürgerkrieg zerrissen. Erst brachen Mitte der 1970er-Jahre Gefechte zwischen unterschiedlichen Milizen offen aus, später marschierten die syrische und dann auch die israelische Armee in den Libanon ein – das Land war der Rückzugsraum bewaffneter Kräfte der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO).

Die Vereinten Nationen entsandten eine Schutztruppe, überwiegend aus amerikanischen und französischen Soldaten. Doch wurde diese Friedenstruppe durch Bombenanschläge vertrieben. Erst ein Abkommen zwischen den größten Milizen konnte den Bürgerkrieg beenden. Über 800 000 Libanesen flüchteten.

Auch in den Jahren nach dem Bürgerkrieg kommt das Land nicht zur Ruhe. Immer wieder gibt es Konflikte und Kämpfe zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah, dem Zusammenschluss von Schiiten-Milizen, die auch einen politischen Arm als Partei hat. Wieder werden Friedenstruppen stationiert – diesmal mit einer, wenn auch lange dauernden Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie. Die letzten Wahlen im Jahr 2018 wurden seitens der Europäischen Union als „frei und fair“ eingestuft. Das Auswärtige Amt beurteilt die Situation im Libanon als „stabil“ – trotz der Syrienkrise, die dazu geführt hat, dass das kleine Libanon (4,5 Millionen Einwohner) 1,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat.

Libanon und Deutschland – beides ist Heimat

Der Krieg hat auch Spuren in der Familie von Rana Alnasir-Boulos hinterlassen. Der Vater ist kriegsverletzt, arbeitet erst im Libanon und dann in Deutschland als selbständiger Händler. Die Mutter ist gelernte Erzieherin. Die Familie lässt sich in der Wedemark nieder: „Mit dem Pfarrer von St. Marien, Karl Heine, haben meine Schwestern und ich Deutsch gelernt“, erzählt Rana Alnasir-Boulos. Sie werden Ministrantinnen und Katechetinnen – und ärgern sich manchmal über ihre Mitkatholiken. Aus zwei Gründen – zum einen: „Es hieß häufig, du hast Jesus doch erst in Deutschland kennengelernt“, erinnert sich Rana Alnasir-Boulos. Da musste sie energisch widersprechen. Und es führt zu Ärger Nummer zwei: „Der Libanon hat eine große Bedeutung für uns als Christen – das ist völlig vergessen.“

Wohl auch deshalb hat jetzt Papst Franziskus aufgerufen, den Libanon als Ziel für Pilgerreisen in den Blick zu nehmen. Das möchte auch Rana Alnasir-Boulos. Die Schönheit, die Vielfalt des Landes – siehe Psalmen und Hohelied – das möchte sie gern anderen Menschen zeigen: „Der Libanon ist so vielfältig.“ Eine halbe Stunde in die eine Richtung – Meer und Strand. Eine halbe Stunde in die andere Richtung – Gipfel und Täler. Zur landschaftlichen Schönheit kommt die religiöse und kulturelle Vielfalt: „Und nicht zuletzt stärkt eine Pilgerreise auch den Christen im Libanon den Rücken“, ist Rana Alnasir-Boulos überzeugt.

„Ich habe noch nie so gut beten können“

Aber sie verbindet auch eine persönliche Glaubensgeschichte mit dem Libanon. Zuletzt war sie vor drei Jahren mit ihrem Ehemann dort. Zusammen haben sie das maronitische Kloster in Annaya besucht: „Ich weiß nicht, was da mit mir passiert ist“, erinnert sie sich. Im Blick auf das Bildes des Mönches Charbel Makhlouf, der 1977 heilig gesprochen wurde, fand sie eine innere Ruhe, die sie so nie zuvor gespürt hat: „Ich habe noch nie so gut beten können.“ Dieses Gefühl hat sie bis heute nicht losgelassen.

Wieder zurück las sie sich in die Lebens- und Wirkungsgeschichte des 1828 geborenen Ordensmannes ein, seine leidenschaftliche Hinwendung zum Gebet in Stille und Askese in einer Einsiedelei: „Ich kann mir heute ein Leben ohne diesen Heiligen nicht mehr vorstellen.“

Charbel wurden schon zu Lebzeiten verschiedene Wunder nachgesagt. Nach seinem Tod 1898, häuften sich Berichte von Krankenheilungen nach Besuch an seinem Grab. Diese anerkannten Heilungen führten dann auch zu seiner Selig- und Heiligsprechung durch Papst Paul VI.. Das einzige überlieferte Bild des Mönches findet sich in zahlreichen christlichen Haushalten im Libanon, an Kirchen und Kapellen – und in Taxis. Auch Rana Alnasir-Boulos trägt dieses Bild mit sich.

Sie hofft, im kommenden Jahr mit einer Gruppe in den Libanon aufbrechen zu können. Zusammen mit Pastor Hans-Günter Sorge: Der Seelsorger hat ihren jüngsten Sohn getauft – auf den Namen Charbel. Sie kamen ins Gespräch über den Heiligen, über das Land und über das Erste Testament. So wurde die Idee zu einer Pilgerfahrt geboren. Momentan werden Angebote eingeholt und verglichen. „Bald gibt es darüber mehr Informationen“, sagt Rana Alnasir-Boulos.

Beruflich organisiert die studierte Kommunikationsmanagerin Fachkonferenzen für Öl- und Gaspipelines. Sie weiß daher auch, welche Bedenken automatisch auftauchen, wenn es um Reisen in den Libanon geht. „Trotz aller Schwierigkeiten ist der Libanon ein stabiles Land.“ Und es bietet viel Raum, um dem eigenen Glauben wieder auf die Spur zu kommen. Das klingt wie die Sehnsucht nach den Zedern von König Salomo.

 

Zur Sache:

Die Vielfalt der Religionen im Libanon

Der Libanon kennt 18 anerkannte Religionsgemeinschaften – und es ist nach wie vor das Land mit den meisten Christen im Vorderen Orient. Die Maronitische Kirche stellt die größte christliche Gruppe im Libanon. Sie ist ebenso wie die Melkiten, die syrisch-katholische und die armenisch-katholische Kirche mit dem Heiligen Stuhl im Vatikan uniert – das heißt, sie sind Teilkirchen eigenen Rechts, feiern ihren überlieferten Ritus, stehen aber in einer Glaubens-, Gebets- und Sakramentengemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche.

Die zweitgrößte christliche Religionsgemeinschaft im Libanon bildet die griechisch-orthodoxe Kirche, gefolgt von den altorientalischen Christen wie der armenischen-apostolischen oder der syrisch-orthodoxen Kirche. Vergleichsweise wenige Christen bekennen sich zum Protestantismus: darunter sind die armenisch-protestantische Kirche oder die Presbyterianische Synode von Syrien und Libanon.

Schätzungen schwanken, ob mittlerweile nicht die Muslime die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Sie verteilen sich zu gleichen Teilen auf Sunniten und Schiiten, die jedoch mehrheitlich unterschiedlichen teilen des Landes Leben. Eine weitere eigenständige Gruppe stellt die arabischsprachige Religionsgemeinschaft der Drusen, die sich bereits im 11. Jahrhundert von den Schiiten abgespalten hat.

Die Gleichberechtigung der unterschiedlichen Bekenntnisse drückt sich auch in der politischen Verfassung des Landes aus. So muss das Staatsoberhaupt maronitischer Christ, der Parlaments­präsident ein schiitischer Muslim und der Regierungschef ein sunnitischer Muslim sein. Der Oberbefehlshaber muss sich zum Christentum bekennen.

 

Von: Rüdiger Wala