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07. September 2018

Von Wolle und Jammer

„Mehr als alte Steine“ – unter diesen Leitgedanken hat die Gemeinde St. Bernward in Hannover-Döhren die Feiern zur 125. Weihe ihrer Kirche gestellt. In der Tat: Es ist eine Geschichte, wie die Schlagzahl der Industrie eine Pfarrei prägt.

Eichsfeld, Schlesien, Italien. Beim Blick in die nun 125-jährige  Geschichte der Kirche St. Bernward im hannoverschen Stadtteil Döhren wird eines deutlich: Der katholische Glaube kam über Zuwanderung zurück in die heutige Landeshaupstadt Niedersachsens. Und diese Zuwanderung folgte über mehrere Jahrzehnte der Schlagzahl der Industrie.

Aber der Reihe nach: 1868 wurde in Döhren, damals noch eingenständig, erst eine Wollwäscherei, dann eine Wollkämmerei gegründet. Die Wolle war es, die überwiegend katholische Arbeiterinnen und Arbeiter anzog. Auf der „Wolle“ arbeiten war das eine. Aber wo wohnen? Die Döhrener Wolle ließ von 1873 an schrittweise Werksiedlungen errichten: Arbeiterhäuser und „Ledigenheime für Fabrikmädchen“ – der laut Volksmund Döhrener Jammer. Möglicherweise weil die Bezahlung eher schlecht war. Oder weil eine derartige Ballung von katholischen Familien im evangelisch geprägten Döhren einer Provokation glich. Denn der Anteil von Katholiken war innerhalb von 20 Jahren von kaum vorhanden auf weit über 1000 angewachsen.

Der Wunsch nach einer eigenen Kirche wuchs, statt mehrere Kilometer zur Haupt- und Mutterkirche St. Clemens zu gehen. Doch vor dem Gotteshaus wurde zunächst auf Antrag des damaligen Propstes Wilhelm Schreiber eine einklassige katholische Privatschule für die Kinder der Wollhandwerker errichtet.

1892 schließlich konnte mit dem Bau einer Kirche begonnen werden – auf dem gleichen Grundstück. Der Hildesheimer Bischof  Wilhelm Sommerwerck hatte sich bereit erklärt, die Kos­ten dafür zu übernehmen. Der Hl. Bernward wurde zum Patron erhoben, weil das Bistum im Weihejahr des Gotteshauses 1893 das 900-jährige Jubiläum des heiligen Hildesheimer Bischofs feierte.

Der Hannoveraner Architekt Christoph Hehl hatte zwar das Gotteshaus als dreischiffige Basilika entworfen. Jedoch konnten zunächst nur Turm, Säulenvorhalle und Langhaus mit Apsis verwirklicht werden. Erst 1960 wurde das auf seinen Plänen beruhende Querhaus fertiggestellt  – mit einer neuen Apsis und einer Krypta.

1908 wird St. Bernward zur Pfarrei erhoben

1908 wurde St. Bernward zur Pfarrei erhoben – ein Jahr nachdem Döhren in die Stadt Hannover eingemeindet worden war.  Mit diesem Schritt wurde die Infrastruktur ausgebaut, mehr Menschen zogen in den Stadtteil, in dem die Wolle nach wie vor den Takt angab. Nach dem Ersten Weltkrieg und vor allem durch die Weltwirtschaftskrise nahmen Arbeitslosigkeit und Armut im Stadtteil zu. In dieser Situation werden die Vinzentinerinnen in der Armen- und Krankenpflege in Döhren tätig. Ohnehin betreuen sie seit 1895 das Waisenhaus St. Josef in der Nachbarschaft, in dem zeitweise 60 Säuglinge und 200 Klein- und Schulkinder Aufnahme finden.

Gerade dieses Waisenhaus ist es, das im zweiten Weltkrieg ein Opfer von Bomben wird. Kirche und Pfarrhaus dagegen bleiben wie durch ein Wunder ohne größere Schäden. Das Waisenhaus wird auch mit Hilfe der Katholiken von St. Bernward wieder aufgebaut – und die Gemeinde wird durch den Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen größer. Neue Kirchen und Gemeinden im Süden Hannovers entstanden.

Viele Katholiken in St. Bernward arbeiteten noch da, wo sie lebten: auf der Wolle. So blühte das Vereinsleben. 1958 wurde die Kolpingsfamilie gegründet, später Brachland gepachtet für ein Sport- und Freizeitgelände – die Bernwardswiese, auf der bald sogar ein Freizeitheim und eine Bezirkssportanlage errichtet wurden.

Zudem wurde St. Bernward internationaler. Nun wurde auch eine große Zahl italienischer Familien in Döhren ansässig.

1973 dann der Schock: Die „Wolle“ wurde geschlossen. Zuvor wurde bereits die Strickgarnproduktion eingestellt. Doch nun verloren auch die letzten 800 Beschäftigten ihre Arbeit. Das Gelände wurde verkauft, die Wohnungsbaugesellschaft „Neue Heimat“ errichtet dort Neubauwohnungen.

Die Sozialstruktur von St. Bernward veränderte sich. Junge Familien zogen weg, die Gemeinde wurde älter. Die Reaktion: pragmatisch. 1976 beteiligte sich die Gemeinde an der Gründung des ökumenischen Altenzentrum „Ansgarhaus“. Eine ebenfalls von beiden Konfessionen getragene Sozialstation wurde eingerichtet. Doch es wurde auch 1978 ein Kindergarten erbaut. 

Zum 100-jährigen Jubiläum wurde die Kirche aufwendig neu gestaltet. Besonders charakteris­tisch ist die vom Künstler Hanns Joachim Klug geschaffene Chris­tusikone in der Apsis.

Seit 2010 bildet St. Bernward zusammen mit St. Michael (Wülfel) und St. Eugenius (Mittelfeld) eine gemeinsame Pfarrei. Seit dem letzten Jahr gehört die Pfarrei St. Bernward zum sogenannten Pastoralbereich Süd. Konkret bedeutet das, dass ein Team aus drei Priestern, einem Diakon, zwei Gemeindereferentinnen, einer Soazialarbeiterin und einem Verwaltungsmitarbeiter in drei Pfarreien „überpfarrlich“ tätig ist. Neben St. Bernward sind das  die Pfarreien St. Oliver (Laatzen), St. Augustinus (Hannover-Ricklingen) und Zu den heiligen Engeln (Hannover-Kirchrode).

Das 125-jährige Jubiläum wird in St. Bernward mit einer Fülle von Veranstaltungen gefeiert. Den Auftakt macht ein Festgottesdienst an diesem Sonntag, 9. September. Beginn ist um 11 Uhr. Das Jubiläumsprogramm wird sich bis zum 20. November – dem Gedenktag des heiligen Bernward – hinziehen: unter anderem mit einem Dankeschön-Abend, Infos über das kirchliche Leben in Döhren, einer Wallfahrt nach Hildesheim und der Wahl des „liebsten Kirchenliedes“.

 

Näheres unter www.st-bernward-hannover.de

Von: Rüdiger Wala