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26. Juli 2018
Ohne Handy, Geldbörse und Rucksack. Befreit vom Ballast nehmen Ulrike und Gregor Branahl den Alltag auf der Straße bewusster wahr.

Ohne Handy, Geldbörse und Rucksack. Befreit vom Ballast nehmen Ulrike und Gregor Branahl den Alltag auf der Straße bewusster wahr.

Für Jesuitenpater Christian Herwartz ist die Straße der Ort, an dem das Heilige entdeckt werden kann | Fotos: Wala

Für Jesuitenpater Christian Herwartz ist die Straße der Ort, an dem das Heilige entdeckt werden kann | Fotos: Wala

Wo ist denn nun Gott?

Die Straße kann zum heiligen Boden werden: Durch Hinhören und Hingehen, durch offene Augen. Etwas andere Exerzitien. Ulrike und Gregor Branahl haben den Versuch gemacht – und Überraschendes entdeckt.

Spiritualität ist durchaus das Tagesgeschäft von Ulrike und Gregor Branahl. Ulrike Branahl ist Religionspädagogin und leitet das Referat Kirche und Caritas beim Caritasverband Hannover. Ihr Mann Gregor ist Pastoralreferent und leitet die Lebensberatung im [ka:punkt], ein offenes Haus der katholischen Kirche mitten in der Fußgängerzone von Hannover.

Doch jetzt wagen sie sich auf unbekanntes Terrain – Straßenexerzitien. Exerzitien, geistliche Übungen, die helfen sollen, um Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden: Normalerweise zieht man sich in die Stille und Beschaulichkeit eines Klosters zurück. Doch jetzt auf die Straße? Inmitten von Autos, hetzenden Menschen, Gewusel und marktschreienden Schaufenstern.

Für Jesuitenpater Christian Herwartz (siehe Porträt unten) ist die Straße der Raum, die Spuren Gottes im Alltag zu finden. Hingehen, hinhören, hinsehen: Das sind die Prinzipien. Und einfühlen. Dann kann heiliger Boden entdeckt werden. Auf Asphalt und Gehwegplatten.

Mose, so berichtet es das Buch Exodus (3,5), legte seine Schuhe ab, als er heiligen Boden betrat. So knüpft Herwartz der kleinen Gruppe von Interessierten, die an diesem Tag das Schnupperexperiment Straßenexerzitien im St. Jakobushaus in Goslar wagen, das ab, was heute so wichtig ist, wie Schuhe zu den Zeiten der Israeliten: Handys, Rucksäcke und Geldbörsen. „Es heißt bei Jesus: ich sende euch wie Wölfe unter Schafe“, erläutert der Jesuit. Für ihn sind die Wölfe draußen der Kapitalismus – „und der will von euch gefüttert werden“.

Auch die Branahls trennen sich von Telefon und Portemonnaie. „Ich habe mich auf einmal ziemlich schutzlos gefühlt“, berichtet Ulrike Branahl. Aber so ‚schuhlos‘ öffnen sich für sie die Augen:  Auslagen in Schaufenstern werden uninteressant. Aber gleichzeitig macht sich auch das Gefühl breit, wie es ist kein Geld zu haben. Auch im Notfall: „Der Tag ist heiß, was mache ich, wenn ich Durst bekomme?“

Gedeckter Tisch, Lichtprisma und ein Herr aus Usbekistan

Drei Stunden ist sie unterwegs mit einer Frage: „Wo begegnet mir Gott?“. Vielleicht in dem Paar, das sich fotografiert? Sie bietet an, das Paar zusammen abzulichten. Um ins Gespräch zu kommen. Oder mit einem älteren Herrn in einer offenen Kirche. Es bleibt aber nur bei kurzen Worten und Gesten. Der ältere Herr kommt aus Usbekistan.

Doch stößt Ulrike Branahl auf Momente, die sie so nicht erwartet hat. Berührende Situation. Zum Beispiel fällt ihr Blick durch ein leicht geöffnetes Fenster in einem alten Fachwerkhaus. Dort sieht sie einen wirklich liebevoll gedeckten Tisch. Ihr erster Gedanke: „Ach Gott, ist das schön.“ Der zweite: „Dadurch habe ich gemerkt, dass Gott natürlich auch in mir ist.“ Hier zeigen sich die ‚abgelegten Schuhe‘ – erst der Verzicht auf Handy und Geldbörse lässt diesen Gedanken bei ihr wachsen. Mitten im Gewusel ein stiller Fingerzeig Gottes.

Später entdeckt Ulrike Branahl zwischen kleinen Kunsthandwerkerläden  ein Lichtprisma auf dem Boden. Sie fragt sich, wo die Regenbogenfarben wohl herkommen. Die Suche führt zu einem Stand, an dem ein Gästebuch ausliegt. Sie blickt in dieses Buch – und entdeckt eine vertraute Handschrift. Ihr Mann Gregor – beide sind getrennt unterwegs – hat gerade etwas hineingeschrieben. Ein Moment, der Ulrike Branahl wirklich unter die Haut geht.

 Auch für Gregor Branahl verändert sich der Blick auf die Straße: „Aufmerksamer, sensibler“, beschreibt er es. Die Wahrnehmung wird geschärft – sowohl für die schönen Dinge wie für die, die auf Ungerechtigkeiten und Probleme in dieser Gesellschaft hinweisen: „Riesige Werbungen für Hamburger – für die, die Hunger haben und kein Geld in der Tasche ist das doch Mist.“ Auch öffentliche Toiletten kosten Geld. Was tun, wenn man keines hat? Da findet Gregor Branahl den Hinweis von Christian Herwartz wieder –  „den Kapitalismus füttern“.

Am Tag des Experiments Straßenexerzitien steht Goslar im Blickpunkt: Rechtsextreme haben zum „Tag der deutschen Zukunft“ aufgerufen, um ein – in ihrer Diktion – „Zeichen gegen Überfremdung“ zu setzen.  So stoßen die Eheleute auf einen Propagandastand der Neonazis. Erst Ulrike, dann setzt sich Gregor dazu. Was tun? Sie beobachten die drei jungen Männer am Stand. Was treibt sie an, warum dieser Hass gegen Menschen, die anders sind? Sie kommen mit einem Mann ins Gespräch, der Infomaterial der Rechtsextremen in den Händen hält. „Eine angespannte Unterhaltung“, sagt Gregor Branahl. Zum Schluss fragt er sich, ob er nicht eine Chance verpasst hat – Zivilcourage zu zeigen. Auch um die Diskussion mit denen hinter dem Stand zu suchen.

Überraschende Antwort: „Gott? Was ist das?“

Der Weg auf der Straße geht weiter. Unabhängig voneinander setzen sich beide neben den gleichen Bettler. Wieder der Versuch ins Gespräch zu kommen, wieder bleibt es dabei. Der Mann kommt aus Tschechien, spricht nur wenig Deutsch. Als Ulrike Branahl bemerkt, dass sie Gott sucht, bekommt sie zur Antwort: „Gott? Was ist das?“. Das gibt ihr zu denken.

Was bleibt von diesen drei Stunden Experiment mit Straßenexerzitien? Für Gregor Branahl ist es ein liebevollerer Blick: „Ich ärgere mich manchmal über die, die aggressiv betteln.“ Aber die ‚abgelegten Schuhe‘ haben ihm klar gemacht, dass er nicht sicher sagen kann, was Menschen dazu treibt. Die Erkenntnis: „Begegne ihm so, dass es Christus sein kann.“ Klingt fromm, ist aber eigentlich selbstverständlich.

„Wachheit bewahren, Dinge hinterfragen“, das nimmt Ulrike Branahl mit. Sie kehren zu ihrer Gruppe zurück. Sie tauschen sich aus über ihre Erfahrungen. Dann feiern sie mit Pater Christian Herwartz Gottesdienst. Nicht in einer Kirche. Sie brechen Brot und Beten in einem Park. Auf den Ruinen einer alten Kirche. Für beide eine sehr beeindruckende Erfahrung: „Die Ruine zeigt doch die Situation unserer Kirche“, meint Gregor Branahl: „Sie ist auch ein Fundament, aber es wird anders.“ Wie die Straße. Aus Asphalt wird heiliger Boden.

 

Hingehen – und berühren lassen

Er teilte seine Wohnung, stand an der Drehbank, betet vor Abschiebegefängnissen und sucht das Heilige auf der Straße: der Jesuitenpater Christian Herwartz. Eine Begegnung.

Was für eine Biografie: Jahrgang 1943, seit 1978 in Berlin-Kreuzberg lebend. Jesuit, Arbeiterpriester, LKW-Fahrer, Pressen-Führer, Dreher und Lagerarbeiter: Zum einen für den Lebensunterhalt und zum anderen, weil für Christian Herwartz der Platz des Priesters dort ist, wo die Menschen sind. Das ist die Arbeit.

Das ist aber auch die Wohnung, sogar die eigene. Bis 2016, also fast vier Jahrzehnte, lebte Herwartz in der „Jesuiten-WG“ nahe dem Kotbusser Tor. Eine offene Wohngemeinschaft, in der jeder Zuflucht fand, der sie benötigt: Obdachlose, illegal in Deutschland lebende Ausländer, politisch Verfolgte oder Menschen, die es zu Hause aus familiären Gründen nicht mehr aushielten. Es werden in all den Jahren über 400 gewesen sein, an Tisch und Bett in der WG. Aus aller Herren Länder. Manche Tage, manche Monate, einige sogar Jahre. Der Jesuit teilt seine Bude – ein Siebenbett-Zimmer.

Herwartz trägt sein Credo auf der Brust. „Gastfreund“ steht auf einem T-Shirt geschrieben. Während der Zeit in der WG hat Herwartz nie jemanden gefragt, wo er herkommt: „Das ist eine Polizistenfrage“, sagt er. Was am Küchentisch besprochen wird, bleibt am Küchentisch. Oder allenfalls im Herzen: „Aber es geht nichts nach außen.“ Das ist Beichtgeheimnis – und ein offenes Ohr: „Diese Offenheit für Menschen, für andere Kulturen – die wollte ich mir immer bewahren.“ Bei allen menschlichen Schwierigkeiten, vor der auch eine Jesuiten-WG nicht gefeit ist.

„Auch mal einen auf den Deckel kriegen“

Herwartz, Typ Seemann, kräftig, mit großflächigen Tätowierungen, belässt es aber nicht beim Zuhören. Er mischt sich ein, demonstriert und betet bei Mahnwachen vor Abschiebegefängnissen, zieht für einen fairen Umgang mit Flüchtlingen auch vor Gericht. Für ihn ist der Glaube dazu da, „für die Rechte von uns Menschen zu kämpfen – und durchaus mal einen auf den Deckel zu kriegen“. Auch und gerade gegen das System, den Kapitalismus, der Menschen zu Waren degradiert: „Glaube ist keine Harmoniesoße.“

Herwartz setzt ein anderes Prinzip dagegen. Er will „das Heilige entdecken, das in jedem Menschen steckt.“ Das findet sich – vor allem auf der Straße. Im Hingehen. Wie Moses: „Der sieht in der Wüste einen Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt.“ Ein Zeichen der Liebe: „Es gibt nur eines, das brennt und nicht verbrennt, und das ist die Liebe“, sagt Herwartz mit einer für seine Statur ungewöhnlich sanften Stimme. Moses geht zum Dornbusch – und betritt heiligen Boden: „Hinzugehen, das ist der große Sprung in der Religionsgeschichte.“ Das sei die Berührung mit der Wirklichkeit: „Dafür offen zu sein, darum geht es bei den Straßenexerzitien.“

Moses zieht die Schuhe aus, als er den heiligen Boden be- und Gott gegenübertritt: „Die Schuhe ausziehen ist für uns doch der Ballast, den wir ablegen müssen, dass ich wirklich hören und sehen kann.“ Oder anders: sich ungeschützt einzulassen auf den Ort oder die Begegnung, die fremd ist, aber heilig sein könnte.

Dieses Bild des Dornbusches, der  Liebe, die jeder auf andere Art zwischen Lärm, Müll und Überschwang der Großstadt entdecken kann, der heilige Boden, ist für Herwartz Dreh- und Angelpunkt der Straßenexerzitien. So hat er sich den Dornbusch auf seinen linken Arm tätowieren lassen.

Nochmal: Glaube ist keine Harmoniesoße. Er geht unter die Haut. Das heißt: sich berühren lassen.  Von der Wirklichkeit Gottes. Den „heiligen Ort“ auf der Straße aufspüren und Gott entdecken. Unerwartet. Nicht in der Ruhe und Beschaulichkeit eines Kloster bei Vollpension.

Von: Rüdiger Wala